De mortuis - Tod und Trauer auf kanarisch


November - Allerheiligen, Allerseelen, Totensonntag, Volkstrauertag ... der passende Zeitpunkt, um hier ausnahmsweise auch mal über ein etwas ernsteres Thema zu schreiben, das mir in meinen fünf Jahren auf Gran Canaria nun auch schon (leider) häufiger begegnet ist: Tod und Trauer.

2014 war für mich persönlich ein schlimmes Jahr. Sowohl in Deutschland als auch hier auf Gran Canaria habe ich viel Zeit an Krankenhausbetten und auf Friedhöfen verbringen und von etlichen lieben Menschen Abschied nehmen müssen. Ein Jahr, das ich mir wirklich gerne erspart hätte; aber auch ein Jahr, das mir die Unterschiede zwischen Tod und Sterben in Deutschland und Tod und Sterben hier auf Gran Canaria sehr deutlich gemacht hat.

Der erste und wichtigste Unterschied ist wohl die Geschwindigkeit, mit der die Dinge ablaufen, sobald jemand gestorben ist. In Deutschland müssen laut Gesetz mindestens 48 Stunden zwischen Tod und Beerdigung liegen. Dass es dort dann tatsächlich so schnell geht, ist aber eher die Ausnahme - im Regelfall vergehen zwischen Sterbefall und Beisetzung (wenn es sich um eine Erdbestattung handelt) mehrere Tage bis zu einer Woche. In dieser Zeit befindet sich der Leichnam meist bereits beim Bestatter (man kann ihn als Angehöriger dort zwar besuchen, muss es aber nicht). Die früher allgemein übliche Totenwache zu Hause neben dem aufgebahrten Verstorbenen ist in Deutschland selten geworden und wird nur noch in wenigen, eher ländlichen Gegenden praktiziert. Bei einer Feuerbestattung dauert es sogar bis zu sechs Wochen, bis die Urne mit der Asche zur Beisetzung bereit steht. Hier auf Gran Canaria (wie überall in Spanien) geht das alles viel fixer: innerhalb von höchstens 48 Stunden ist die Angelegenheit mit allem Zipp und Zapp über die Bühne. Natürlich hat das seine Wurzeln historisch betrachtet im hiesigen heißen Klima, in dem man Verstorbene schnell unter die Erde bringen musste, solange es noch keine entsprechenden Kühlmöglichkeiten gab. Auch wenn es heute natürlich längst auch anders gehen würde, hat man diese Tradition der schnellen Beisetzung beibehalten. Entsprechend ausgefeilt sind auch die Kommunikationswege, auf denen ein neuer Todesfall sich in Lichtgeschwindigkeit verbreitet: Bis zum 20. Jahrhundert gab es noch einen extra voceador, einen Ausrufer, der einen Todesfall im Viertel bekannt machte; außerdem erscheinen innerhalb von wenigen Stunden Zeitungsanzeigen, Aushänge an Häusern, öffentlichen Gebäuden oder auch schon mal in der Dorfbar. Und natürlich die bewährte Mund-zu-Mund-Flüsterpost. Darüber hinaus sind es heute vor allem natürlich die neuen Medien, die jeden, den es betreffen könnte, in kürzester Zeit informieren. Im Internet gibt es eigene Websites, auf denen (nach Provinzen und Städten geordnet) Todesfälle innerhalb von Minuten aller Welt bekannt gemacht werden können (z. B. http://www.rememori.com). Unter der Rubrik esquelas - Todesanzeigen - kann man sich, nach Provinzen geordnet, jederzeit schlau machen, wen es in den letzten paar Stunden wo wieder getroffen hat. Telefon, Whatsapp und Facebook erledigen den Rest. Und dann heißt es: sofort alles stehen und liegen lassen und sich auf den Weg zum tanatorio machen! Egal, welcher Tag (wir haben hier schon Beerdigungen an Sonntagen und Feiertagen miterlebt!), egal, welche Uhrzeit. Denn die nun folgenden 24 Stunden sind eigentlich die wichtigsten: das velatorio, die Totenwache. Und wem der Verstorbene und die Familie wichtig sind, der zeigt das durch sein möglichst umgehendes Erscheinen dort.

Was ich am spanischen Ritual besonders berührend fand, ist die Tatsache, dass ein verstorbener Mensch bis zu seiner endgültigen Beisetzung nicht einen Augenblick lang alleine gelassen wird. Er bleibt Teil der Familie und Gemeinschaft und wird im wahrsten Sinne des Wortes „aus dem Leben begleitet“. Wer in Deutschland stirbt, wird in der Regel ja erst mal „ausgelagert“ - vom Krankenhaus, Pflegeheim oder auch von zu Hause aus wandert der Leichnam in die Hände des Bestatters, wird dort zurechtgemacht, eventuell auch für einige Stunden aufgebahrt. Die meiste Zeit aber verbringt der Tote zwischen seinem Ableben und seiner Beisetzung allein, im Kühlhaus irgendeines Bestattungsunternehmens.

Ganz anders hier. Ein Verstorbener wird hier direkt ins tanatorio, ins Trauerhaus gebracht, ein eigenes Gebäude, das auch keineswegs immer direkt neben dem Friedhof steht und schon insofern mit unserer deutschen Friedhofskapelle oder Leichenhalle nicht wirklich vergleichbar ist. Unseres hier in Agaete steht beispielsweise zwischen der Station der policia local und dem centro de salud, dem medizinischen Versorgungszentrum (da schießt einem dann schon mal durch den Sinn, ob das vielleicht so angeordnet wurde, um im Bedarfsfall die Transportwege kurz zu halten ...) Im tanatorio sind meist das örtliche Bestattungsinstitut, oft auch eine kleine Kapelle und - je nach Größe des Ortes - eine verschieden große Anzahl von Aufenthaltsräumen untergebracht. Hier wird der Tote gewaschen, angekleidet und geschminkt und dann sofort für das velatorio aufgebahrt. Die Familie bleibt währenddessen die ganze Zeit bei ihm und wacht rund um die Uhr an seiner Seite. Es herrscht ein reges Kommen und Gehen, auch zwischen Mitternacht und Morgengrauen. Denn all die Freunde, Nachbarn, enge und flüchtige Bekannten, die mit dem Verstorbenen und der Familie irgendwie verbunden sind, kommen jetzt schnellstmöglich ins tanatorio geeilt, um den Hinterbliebenen ihr Beileid auszudrücken (dar el pésame) und Abschied zu nehmen. Der Tote ist dabei eigentlich immer öffentlich aufgebahrt (ich nehme an, es gibt Ausnahmen in Fällen, in denen sein Anblick aufgrund von Entstellungen irgendwelcher Art zu verstörend wäre, aber ich bin mir nicht ganz sicher).
Bei unserem ersten Todesfall hier - ein enger Freund, der nur drei Wochen nach meiner Mutter verstorben war - haben wir, ich gebe es zu, bezüglich des tanatorio gekniffen. Ich hätte es emotional einfach nicht verkraftet, so schnell wieder an einem offenen Sarg zu stehen, deshalb sind wir in diesem Fall nur zu seiner Beisetzung ein paar Stunden später mitgegangen. Ein paar Monate später starb der Sohn einer guten Bekannten, und diesmal rissen wir uns am Riemen - wir wussten schließlich, dass dieser Teil des Rituals allgemein als der zentralste und bedeutsamste gilt und die Angehörigen viel Wert darauf legen, in dieser Zeit Unterstützung und Zuspruch zu erfahren.

Wir erwarteten etwas Ähnliches wie eine deutsche Leichenhalle: tiefschwarz gekleidete Menschen, die sich, wenn überhaupt, nur im Flüsterton unterhalten; strenge Förmlichkeit, Tristesse und Feierlichkeit. Wir hätten es eigentlich nach vier Jahren hier ahnen müssen - natürlich war es ganz anders. Kaum jemand, nicht einmal die engsten Familienangehörigen des Toten, trug Schwarz. Alle waren in normaler Straßenkleidung gekommen - come as you are war hier wohl wörtlich zu nehmen. In unseren schwarzen, langärmligen Sachen - meinen widerstrebenden Mann hatte ich sogar in einen Anzug gezwängt! - fühlten wir uns sofort völlig deplatziert und heillos overdressed. Speziell die Familie war vor allem nach Gesichtspunkten der Bequemlichkeit gekleidet (Leggins, jawohl, ich schwör‘s!) - wenn man es sich überlegt, eigentlich eine sehr vernünftige Entscheidung, schließlich verbrachte die Familie 24 Stunden ununterbrochen an der Seite des Verstorbenen, da können ein Kostüm und hochhackige Pumps schnell zum Martyrium werden, vor allem bei hiesigen Temperaturen.

Direkt neben der Bahre wurde zwar schon mit gedämpfter Stimme gesprochen und viel geschluchzt, aber bereits ein paar Schritte davon entfernt waren die Unterhaltungen - Spanier können da einfach nicht anders! - lebhaft, lautstark, gestenreich und oft genug von viel Gelächter begleitet. Kein Wunder eigentlich, denn schließlich trafen sich hier viele Leute, die sich zum Teil lange nicht gesehen hatten und die Gelegenheit nutzten, sich erfreut zu begrüßen. Im Hintergrund dudelte besinnliche Musik, aber hätte man die gegen ein paar flotte Rhythmen ausgetauscht und nicht gerade in Richtung Sarg geschaut, hätte man meinen können, man sei auf irgendeine x-beliebige spanische Feierlichkeit geraten. Neu Ankommende umarmten die Familienangehörigen und beteuerten, wie schwer der Verlust alle getroffen habe, dann defilierten sie andachtsvoll am Sarg vorbei und mischten sich anschließend rasch wieder unter die plaudernde Menge im Vorraum.

So bizarr das für deutsche Ohren erst mal klingt - an dieser ganzen heiteren Betriebsamkeit war eigenartigerweise überhaupt nichts Respektloses. Wir waren einen Moment lang zwar irritiert von der Atmosphäre, passten uns aber schnell an. Es hatte etwas sehr Tröstliches zu sehen, wie die Mutter des Verstorbenen liebevoll und ohne Unterbrechung von einer Umarmung zur anderen weitergereicht und mit Zuwendung überschüttet wurde. Sogar der Tote selbst wirkte inmitten all dieser Lebendigkeit und Bewegung irgendwie weniger tot - mehr wie ein halt ziemlich schweigsamer Ehrengast auf einer riesengroßen Party. Und irgendwie war er das ja auch. Ich hatte in meinem Studium unter anderem einen Dozenten, der nicht nur Psychologieprofessor, sondern auch Schamane war, und ich kann mich erinnern, dass er mal erzählt hat, die Seele eines Menschen brauche nach seinem Tod einige Tage Zeit, um sich ganz vom Körper und dem Irdischen zu lösen. Das, so erklärte er damals, sei auch der Hintergrund der früher überall üblichen dreitägigen Totenwache. Er erwähnte auch, dass Gäste auf Trauerfeiern eigentlich lieber helle Kleidung tragen sollten, da dunkle Farben eine Seele im Aufbruch traurig stimmen und eher ans Diesseits fesseln könnten, während helle Farben und viel Licht ihr den Übergang ins Jenseits erleichtern. Keine Ahnung, ob das nun stimmt - aber in diesem menschenfreundlich und irgendwie sogar anheimelnd eingerichteten tanatorio, inmitten dieser fröhlich schwatzenden Menge angesichts des stillen Toten dachte ich, dass zumindest mir das alles an seiner Stelle sehr gefallen würde, und zwar viel besser, als all die Düsternis und bleierne Schwere, die deutsche Leichenhallen auszustrahlen pflegen.

Sind die Stunden des velatorio vorüber, folgt die Beisetzung unmittelbar. Die üblichste Form dafür ist die Bestattung in Nischengräbern, Beerdigungen gibt es praktisch nirgends. Feuerbestattungen sind zwar seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil erlaubt, werden aber immer noch deutlich seltener gewählt als das Nischengrab. Dabei handelt es sich um eine Art steinerner „Regalwände“ auf den Friedhöfen, die in unterschiedliche Nischen unterteilt sind. In die Nische wird der Sarg mit dem Verstorbenen hineingeschoben (bei Familiengräbern passen auch mehrere Särge nach- oder übereinander in so eine Nische), dann wird eine Betonplatte und darauf noch eine Zierplatte aus Marmor vor die Öffnung gesetzt und dieser verschlossen. Auf der Platte stehen der oder die Namen der Verstorbenen, oft sind auch deren Fotos in die Platte eingearbeitet. Platz für Blumen gibt es natürlich nicht viel; meist sind ein oder zwei kleine Vasen an der Platte befestigt.

Mich hat diese Bestattungsart übrigens eine ganze Weile in morbide Grübeleien bezüglich des ... wie soll ich das jetzt pietätvoll sagen? .. weiteren Prozesses gestürzt. Was in so einem normalen Erdgrab über die nächsten zwanzig, dreißig Jahre an ... ähm ... organischen Prozessen abläuft, das weiß man ja so ungefähr ... post molestam senectutem nos habebit humus und so weiter. Auf die Friedhofswürmer und sonstigen Erdarbeiter ist schließlich Verlass. Und über ein Häufchen Asche nach einer Feuerbestattung muss man sich diesbezüglich sowieso keine Gedanken mehr machen. Aber so eine Betongruft, rundum hermetisch versiegelt, umgeben von zahlreichen weiteren, ebenso hermetisch versiegelten Betongrüften ... da kommt ja kein Wurm rein und auch nix raus, oder? Vertrocknet und zerbröselt man da einfach, wenn die Sonne lang genug auf die Frontplatte gebrutzelt hat? Oder suppt man dann irgendwann als Penthouse-Inhaber durch bis runter zu den untersten Geschossen und von da in den Boden? Keine Ahnung ... irgendwie wollte mir hier auch keiner ernsthaft auf meine Fragen hierzu antworten. Sogar das allwissende Internet schweigt sich darüber aus. Dabei finde ich die Frage durchaus berechtigt! Speziell bei Familiengräbern sterben ja in der Regel nicht alle Nischenbewohner gleichzeitig. Will heißen: da macht man in den erforderlichen Abständen halt jeweils die Frontplatte wieder runter, um den nächsten Ankömmling hinterher schieben zu können. Und dann wieder drauf bis zum nächsten Todesfall. Da fragt man sich schon ... naja, ich zumindest. Vielleicht hab ich auch zu viel Stephen King und Edgar Allen Poe gelesen, mag sein. Vielleicht hängen die Bestatter auch einfach ein paar der hier so immens beliebten Lufterfrischer (ambientadores) mit rein, damit man beim nächsten Mal Aufmachen nicht umfällt, und gut ist. Wie auch immer.

Aber wir sind ja gerade ablauftechnisch noch gar nicht auf dem Friedhof - im Moment sind wir noch im tanatorio, die Totenwache ist zu Ende, und wenn - wie bei uns hier im Ort und in den meisten Orten sonst auch - das tanatorio in Laufdistanz von Kirche und Friedhof ist, dann macht sich der cortejo fúnebre, der Leichenzug, jetzt erst mal auf den Weg vom tanatorio zur iglesia, in der die Totenmesse gelesen wird. Der Sarg wird - jetzt geschlossen - von den Trägern vor dem tanatorio in einen Leichenwagen geladen, der mit Kränzen und Blumen geschmückt ist. (Einzelne Blumenspenden sind die Ausnahme; im Regelfall tun sich hier Nachbarn, Gruppen von Freunden oder auch Kollegen zusammen und kaufen gemeinsam ein paar große Kränze für die Beisetzung.) Das Auto mit dem Sarg fährt dann im Schritttempo langsam vom tanatorio zur iglesia, dahinter gehen zunächst die Angehörigen, gefolgt von allen, die dem Toten das letzte Geleit geben wollen. Diese Wegstrecke vom tanatorio zur Kirche ist die einzige, die wirklich in völligem Schweigen zurückgelegt wird - egal, wie viele Menschen dem Sarg folgen, es ist mucksmäuschenstill dabei. Nur die Totenglocke der Kirche schlägt dumpf und langsam den Takt und verkündet schon von weitem, dass hier ein Mitglied der Gemeinschaft seine unwiderruflich letzte Reise angetreten hat. Ein Polizist hält den Durchgangsverkehr für die Zeit an, um den Zug durchzulassen.

Vor der Kirche laden die Träger den Sarg aus dem Wagen und tragen ihn auf den Schultern bis vor den Altar, wo er abgestellt wird. Dann wird eine vollständige misa gelesen - inklusive Wandlung, Verteilung der Kommunion und allem -, alles mit dem Verstorben ein letztes Mal auch hier mitten im Geschehen. Der Priester segnet den Sarg, und dann wird er zurück ins Auto getragen und dieses setzt sich wieder im Schritttempo in Bewegung, den Berg hinauf, zum Ort hinaus und bis zum Friedhof. Am Ausgang der Kirche bekommt man oft noch ein Kärtchen mit einem Gebet, Bild und Sterbedatum des Verblichenen in die Hand gedrückt, das recordatorio, ganz ähnlich den Sterbebildchen, die man bei uns vor allem in Bayern kennt. Die ganze Trauergemeinde folgt auch jetzt wieder dem Wagen, und aus den umliegenden Bars und Cafés gesellen sich noch ein paar der älteren Herren dazu, der eine oder andere noch mit dem Glas in der Hand, die ihre persönliche Trauermesse wohl zwischenzeitlich am Tresen abgehalten haben. Oder vielleicht haben sie dem Toten auch nicht so nahe gestanden und nutzen jetzt nur einfach die günstige Gelegenheit für ein nettes Schwätzchen. Denn mit dem Schweigen ist es nun wieder vorbei: jetzt wird schon wieder lebhaft geredet, gestikuliert, diskutiert. Der Weg von der Kirche zum Friedhof dauert ungefähr fünfzehn oder zwanzig Minuten. In der Zeit kann man viel besprechen. Wie heißt es in dem gregorianischen Choral? Media vita in morte sumus - Mitten im Leben sind wir im Tod. Wohl wahr - und hier in Spanien auch irgendwie andersherum: selbst im Tod ist man hier noch mitten im Leben und mitten in der Lebendigkeit.

Wenn der Leichenzug den Friedhof erreicht, wird es eng: zwischen den einzelnen Wänden mit den Nischengräbern führen nur schmale Wege durch. Die Träger laden den Sarg ein letztes Mal auf die Schultern, hinter ihnen her drängeln sich die Trauergäste zu dem bereits von den Friedhofsbeamten vorab geöffneten Nischengrab. Und jetzt wird‘s für deutsche Augen wieder ein bisschen skurril, vor allem, wenn sich das Grab in einer der höher oder sogar ganz oben in der Wand befindlichen Reihen befindet. Je nach Größe des Friedhofs können fünf, sechs, sieben oder mehr Nischengräber übereinander angeordnet sein. Bei einer geschätzten Höhe von ungefähr 80 Zentimetern bis einem Meter pro Grab kann man sich leicht ausrechnen, dass man spätestens ab Reihe vier keine Chance mehr hat, da einfach so dran zu kommen. Deswegen bekommt die ganze Sache jetzt plötzlich einen Hauch Baumarkt-Charakter, denn vor dem Grab ist in diesem Falle ein Behelfsgerüst aufgebaut, ähnlich den beweglichen Treppen, die Baumarkt-Mitarbeiter nutzen, um einem Kunden den gewünschten Farbkübel aus der obersten Regalreihe runter zu holen. Die Träger balancieren den Sarg vorsichtig über dieses Gerüst in die Nische; der Pfarrer spricht einen letzten Segen - und jetzt spätestens ringt man als Deutscher endgültig verzweifelt um Contenance, denn jetzt naht der Friedhofsangestellte mit einem Eimer Mörtel und einer Kelle in der Hand. Eine Abschlussplatte aus Beton (die dekorative Marmorplatte mit Namen und Lebensdaten wird später davor gesetzt werden) wird vor die Öffnung gewuchtet, und noch im Beisein der Trauergemeinde klatscht der Friedhofsmitarbeiter den Mörtel in die Fugen und versiegelt das Grab. Dabei erstmals zuzuschauen, war für jemanden wie mich, die mit der klassischen deutschen Erdbestattungs-Tradition groß geworden ist, schon sehr merkwürdig - das hat so gar nichts Organisch-Pietätvolles mehr an sich. Stattdessen fühlt man sich jäh auf eine gänzlich prosaische Neubaustelle versetzt, da helfen auch die rund um das Baugerüst aufgetürmten Trauerkränze nichts mehr. Klappe zu, Ende der Vorstellung.

Und das war es dann - eine letzte Umarmung der Hinterbliebenen, die das tapfer vor dem Baugerüst stehend über sich ergehen lassen, und dann kehrt der cortejo fúnebre zurück in den Ort und zurück in den Alltag, der auch vollkommen nahtlos wieder aufgenommen wird. Einen Leichenschmaus oder ähnliche anschließende Feierlichkeiten gibt es nicht; und da sowieso jeder in Straßenkleidung erschienen ist, kann man ohne weitere Umstände da weitermachen, wo man durch die Nachricht vom Todesfall zuvor unterbrochen worden war. Media vita in morte sumus ... der Tod und der Tote sind hier noch viel mehr und unmittelbarer Teil des normalen Lebens als in Deutschland. Das gefällt mir irgendwie. Naja, sofern man bei diesen Dingen von „gefallen“ reden kann.
Und wo wir schon bei „gefallen“ sind - da ist noch ein letzter Punkt, der mir an spanischen Beisetzungen mehr zusagt als an deutschen: Bei uns in Deutschland herrscht ja „Friedhofszwang“ auch bei Feuerbestattungen; d. h. die Überreste des Verstorbenen dürfen nur und ausschließlich auf eine Friedhof beigesetzt werden. Ausnahmen gibt es nur - unter Einhaltung strenger Regeln und oft erst nach einem langwierigen Antragsverfahren - bei Seebestattungen der Asche. Seit einiger Zeit bieten zwar noch Friedwälder für die Urne eine Alternative zum klassischen Friedhof, aber auch das nur unter Beachtung strenger Auflagen. Hier sieht man das Thema deutlich lockerer: schon ein paar Stunden nach der Trauerfeier im Krematorium bekommen die Hinterbliebenen die Urne mit der Asche des Verstorbenen in die Hand gedrückt und können damit de facto eigentlich machen, was sie wollen: Wer Tante Carmen also gern aufs Kaminsims stellen, im Garten unter ihrer Lieblingspalme verbuddeln oder im Meer verstreuen möchte, kann das in Eigenregie tun, wie es ihm beliebt. Kein Beamter mit Klemmbrett steht währenddessen neben einem und wacht humorlos über die Einhaltung des Reglements. Gut, es gibt ein paar offizielle Einschränkungen: eigentlich darf man Onkel Javiers Asche nicht auf öffentlichen Wegen und in Naturparks entsorgen, und eigentlich muss man auch einen Mindestabstand von einem Kilometer zum Land einhalten, bevor man seine Überreste ins Meer kippt. Aber ganz ehrlich - wer sollte das kontrollieren und wie? Der canario an sich mischt sich schon aus Prinzip nicht gern in die Angelegenheiten seiner Mitmenschen ein; hier würde nie ein Passant ungefragt einen Kommentar wie; „Sie, die gelbe Tonne isch aber nur für Kunststoff, Sie!“ oder: „Hier derfet Se aber net parken, gell!“ abgeben. Man kümmert sich (wenn überhaupt!) um seinen eigenen Müll und seinen eigenen Kram, nicht um den des anderen. Umso unvorstellbarer also der Gedanke, ein besserwisserischer Mitbürger könne einem bezüglich der Wahl von Tante Almudenas Endlager dreinreden. Wenn man die Tante gern in Steinwurfweite von ihrer früheren Lieblings-Strandbar in den Atlantik schütten möchte, dann macht man das hier einfach - und denkt dann bei jedem später dort konsumierten Sundowner hoffentlich fürderhin liebevoll an sie. Media vita in morte sumus - und umgekehrt halt.

Ich finde, das wenigstens könnten wir Deutschen uns von den spanischen Bräuchen abschauen, oder? ¡Salud!

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