Wie man mit einer Katze verreist


Eigentlich trägt Gran Canaria ja den Hund im Namen und im Wappen (canis (lat.) = Hund). Aus der Hundeinsel ist aber im ersten Jahr unseres Hierseins für uns eher eine Katzeninsel geworden (was wahrscheinlich niemanden wirklich überraschen wird, der uns kennt). Anfangs war es nur eine, die uns hierher begleitet hat, mittlerweile wimmelt unser Leben hier auf der Insel vor Samtpfoten. Aber ich will der Reihe nach erzählen.

Nachdem die ältere unserer beiden Katzen im Frühjahr vor unserem Umzug hierher gestorben war, gab es nur noch die jüngere, geschätzte sechs Jahre alt, die mit uns nach Spanien reisen sollte. Wir recherchierten lange, bis wir uns für eine Transportbox entschieden, die uns für unseren Liebling angemessen erschien. Ein amerikanisches Modell, elastisch, deshalb einige Zentimeter größer als die eigentlich erlaubten Maße für Handgepäck, trotzdem aber gut unter dem Vordersitz im Flugzeug zu verstauen, außerdem mit allerlei Extras ausgestattet, die der Katze das Reisen so angenehm wie möglich machen sollten. „Wählen Sie das schwarze Modell“, rieten verschiedene Kunden auf der Website des Herstellers. „Durch die Farbe wirkt es optisch kleiner als die helleren und es kommt bei der Flughafenkontrolle nie zu Diskussionen wegen der zusätzlichen Zentimeter.“ Wir folgten dem Rat natürlich. Und zahlten auch ohne mit der Wimper zu zucken den vergleichsweise horrenden Preis für das gute Stück.

Trotzdem hatten wir ein schlechtes Gewissen, unserem kleinen Sensibelchen, das aus seinem früheren Streunerleben eine gewisse Schreckhaftigkeit, Angst vor allem Neuen und eine ausgeprägte Abneigung gegen fremde Personen behalten hat, die Reise überhaupt zuzumuten. Es reichte in Deutschland schon, dass der Briefträger an der Tür klingelte, und wie der Blitz war sie verschwunden und traute sich erst wieder heraus, nachdem sie sich vorsichtig und genauestens überzeugt hatte, dass die Luft rein war. Selbst unserer Putzhilfe, die sehr tierlieb ist und die sie seit Jahren während unserer Urlaube immer fütterte, ging sie bis zum Schluss in weitem Bogen aus dem Weg. Ein einziges Mal hatten wir sie bisher die Zehn-Minuten-Strecke zu unserer Tierärztin fahren müssen; dabei war sie in eine Art Schockstarre gefallen und hatte lange gebraucht, um sich von dem Schreck zu erholen. Für alle anderen nötigen Behandlungen - zum Glück bisher nichts Aufwändigeres als Impfungen oder gelegentliche Antibiotikagaben gegen kleinere Infekte - schwatzten wir der guten Seele deshalb in der Folge jedes Mal Hausbesuche bei uns ab, damit unser Fräulein Rührmichnichtan wenigstens in vertrauter Umgebung bleiben konnte. Und jetzt: eine Stunde Fahrt zum Flughafen, viereinhalb Stunden Flug, noch mal eine Stunde Fahrt bis zu unserem neuen Domizil; Checkin- und Checkout-Wartezeiten nicht mitgerechnet, geschweige denn mögliche Verzögerungen durch Probleme im Flugverkehr? Uns grauste es. Nein, da musste es schon wenigstens der Luxus-Transportkoffer sein!

(Anmerkung zwischendurch: Ich muss es zugeben: wir haben ein bisschen einen Knall mit unseren Tieren, besonders aber mit unseren Katzen. Immer schon gehabt. Böse Zungen behaupten, sie seien nun mal unser Kinderersatz, und wir würden uns nur deshalb so anstellen. Das stimmt aber schlicht und einfach nicht. Wir haben nur einfach einen kleinen Dachschaden, wenn‘s um unsere tierischen Hausgenossen geht. Und wir zählen zum Glück genügend Menschen mit Kindern zu unseren Freunden, die sich bezüglich ihrer Haustiere kein Stück vernünftiger benehmen als wir. Würden wir deshalb bestimmt auch nicht, wenn wir Kinder hätten. Anmerkung Ende.)

So oder so: die Katze in einer Containerbox im Frachtraum des Flugzeugs zu transportieren, kam für uns nicht in Frage. Wenn sie schon den ganzen Stress über sich ergehen lassen sollte, bloß weil wir uns den Floh mit dem Auswandern ins Ohr gesetzt hatten, dann doch bitte nicht ohne unseren andauernden Zuspruch und Trost. (Nicht umsonst wies der supertolle Hightech-Katzentransportkoffer aus Amiland schließlich einen kleinen Extra-Reißverschluss an der Oberseite auf, gerade groß genug, um eine Streichel-Hand hindurch ins Innere zu schieben, ohne dass dabei die Katze entwischen konnte.) Außerdem war ich verschiedene Male aus Alpträumen hochgeschreckt, in denen mir eine liebenswürdige Flughafenangestellte eine gefriergetrocknete Katze überreichte und mir bedauernd mitteilte, es habe da leider, leider eine kleine Panne gegeben und der Pilot habe vergessen, vor dem Start die Heizung im Frachtraum anzustellen ... Denn natürlich - normalerweise wird der Frachtraum eines Flugzeugs nicht beheizt, nur auf Vorbestellung, wenn Tiere darin mitreisen. Meine Fantasie schlug Purzelbäume, wenn ich an dieses Szenario dachte. Schließlich liegen in 10.000 Metern Höhe die Außentemperaturen im zweistelligen Minusbereich! Es musste ja noch nicht mal am Piloten liegen - die Heizung konnte auch einfach ausfallen, ohne dass es einer merkte, oder aber das übrige Gepäck konnte vielleicht irgendwie ins Rutschen kommen und unseren armen Liebling plattquetschen. Oder ein ebenfalls mitreisender Bulldogge oder Dobermann könnte direkt in der Containerbox nebenan untergebracht sein und die kleine Maus stundenlang mit seinem Gebell zu Tode ängstigen. Nein, das war alles überhaupt ganz ausgeschlossen. Die Katze würde bei uns in der Kabine mitfliegen, basta.

Als wir im Juni 2010 (noch ohne Katze) nach Gran Canaria flogen, um den Hauskauf notariell bestätigen zu lassen, diskutierten wir den halben Flug darüber, wie wir alles am besten und stressfreiesten für uns drei organisieren könnten. Gegen einen geringen Aufpreis konnte die Katze einfach im Fußraum vor einem unserer beiden Sitze stehen; wenn man das rechtzeitig bucht, ist das bei den meisten Fluggesellschaften kein Problem. Im Prinzip zumindest - in der Praxis fanden wir die Dreierreihen im Flugzeug ohnehin ziemlich eng; wirklich viel Platz hat man für die Beine da auch ohne supertollen Hightech-Katzentransportkoffer vor sich nicht. Schon ein Beauty Case unter dem Sitz des Vordermanns, das ein ganzes Stück kleiner ist, lässt einen spätestens nach zwei Stunden ernsthaft über Thrombosestrümpfe oder künftige First Class-Buchungen nachdenken. Außerdem fing meine Fantasie schon wieder an, sich selbständig zu machen. Was, wenn der dritte Mitreisende in der Sitzreihe ein Katzenhasser war? Oder - schlimmer noch - katzenallergisch und deshalb die ganze Zeit niesen und husten müsste? Wir hatten auch keine Ahnung, wie die Katze sich in dieser Situation verhalten würde - würde sie vor Schreck vielleicht Durchfall bekommen, sich übergeben, die ganze Zeit über kläglich miauen? Konnten wir das einem armen, nichts ahnenden Menschen, der auf dem Weg in seinen wohlverdienten Urlaub war, wirklich zumuten? Oder der Katze? Oder uns?

Das Ende vom Lied war, dass wir nach unserer Rückkehr ins Reisebüro unseres Vertrauens marschierten und der netten Dame dort unsere Bedenken schilderten. Sie lächelte nur freundlich und meinte, das sei doch alles kein Problem - bei manchen Fluggesellschaften könnte man auch einfach einen Extra-Sitz zusätzlich zu einem Ticket buchen. Viele übergewichtige Menschen nutzten das, weil ihnen die Flugzeugsitze zu schmal und unbequem seien. Man zahle dafür nicht den vollen Ticketpreis, allerdings einen Aufschlag, der deutlich höher sei als der Preis, den die Katze normalerweise zahlen müsste. Dann hätten wir aber auch eine Dreierreihe für uns, bei der der Mittelsitz frei bliebe, da könne man die Katze dann doch gut hinstellen. Ob sie mal recherchieren solle? Wir nickten erleichtert. So kam es, dass Fräulein Banni Heyne ihr eigenes Flugticket ausgestellt erhielt und unsere Freunde in Deutschland aus dem Kopfschütteln über uns mal wieder eine ganze Weile nicht herauskamen. („Was soll man machen, Heynes sind halt spinnert, muss dran liegen, dass sie keine Kinder haben, die armen Irren ...!“) Wir nahmen es ihnen nicht übel.

Dass es durchaus überall auf der Welt Menschen gibt, die genauso katzenverrückt sind wie wir, konnten wir dann am Flughafen feststellen, als wir mit der Katze in der Reisetasche zur Sicherheitskontrolle kamen. Sie hatte sich erstaunlich brav in dem Behältnis verstauen lassen und nur die ersten zehn Minuten der Autofahrt ein bisschen darin herumrandaliert. Dann hatte sie sich gottergeben in ihr Schicksal gefügt und saß jetzt still und stumm in ihrem Gefängnis. Als wir mit ihr zur Sicherheitskontrolle kamen, wurden wir allerdings trotzdem wieder nervös. Man hatte uns vorher ausführlich erklärt, dass wir dort die Katze aus ihrem Transportkoffer herausholen müssten, damit Koffer und Katze jeweils separat durchleuchtet werden könnten. Diese Hürde schien uns ziemlich hoch zu sein. Auf einem Flughafen mit all seinen lauten Geräuschen, grellen Lichtern, umgeben von unzähligen fremden Leuten sollten wir unser kleines Angsthäschen auf den Arm nehmen und röntgen lassen, nachdem sie sich gerade erst an den Transportkoffer gewöhnt hatte? Würde sie nicht komplett durchdrehen angesichts einer solchen Situation? Würde sie sich fauchend und kratzend freistrampeln und uns auf dem Flughafen entwischen? Würde sie sich vor lauter Angst auf das Förderband übergeben? Wir hatten entsprechende Horrorstories sowohl von Freunden, die schon mit Tieren gereist waren, gehört, als auch natürlich in den diversen Katzenforen im Internet über solche Vorkommnisse gelesen (übrigens sollte man in solchen Foren in vergleichbaren Situationen grundsätzlich besser NICHT rumlesen, sie bringen einen sonst nämlich mit ihren farbenfrohen Katastrophenschilderungen aller Art endgültig um das bisschen verbliebenen alptraumfreien Nachtschlaf!).

Wir hätten uns keine Sorgen machen müssen. Die freundliche Dame an der Sicherheitskontrolle hatte, wie sie uns sofort beim Anblick des Transportkorbs erzählte, selber zwei Katzen zu Hause und wusste deshalb, wie unangenehm die Prozedur für diese ist. Sie warf einen Blick in den Behälter und rief entzückt: „Ach, das ist aber eine ganz Hübsche! Und wie friedlich sie schläft!“ Wir waren davon nicht so ganz überzeugt - unserer Meinung nach hatte die Katze lediglich die Augen geschlossen, weil ihr das alles zu viel war, und harrte schicksalsergeben der weiteren Ereignisse, aber wir hielten den Mund. Die Sicherheitsbeamtin winkte gleich noch eine weitere Kollegin - offenbar ebenfalls eine Katzenverrückte - herbei, die sich mit ihr zusammen hingerissen über den Transportkorb beugte. Beide Damen strahlten uns an und winkten uns dann mit Verschwörermiene am Röntgengerät vorbei. „Gell, das Tierle lassen wir jetzt einfach schlafen, das müssen Sie nicht rausholen. Für die Arme ist das alles schon aufregend genug so. Guten Flug!“ Uns fiel die Kinnlade runter, aber einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul, also klappten wir unseres wieder zu und machten eilig, dass wir zu unserem Gate kamen. Wir schickten ein weiteres Dankgebet ans Universum, das dafür gesorgt hatte, dass ausgerechnet diese beiden Katzenfreundinnen heute Morgen Dienst hatten. Und hofften inbrünstig, dass sich der Trick nicht kurzfristig zu Osama Bin Ladens Gefolgsleuten herumsprechen würde. Sonst wären möglicherweise binnen kurzem überall bärtige Nachwuchsterroristen mit sprengstoffgefüllten Miezekatzen auf Reisen.

Die Katze blieb übrigens die ganze weitere Reise über bei ihrer stoischen Haltung. Nur während Start und Landung wurde sie jeweils kurz unruhig, die restliche Zeit über benahm sie sich mustergültig und gab keinen Pieps von sich. Wenn einer von uns die Hand in ihr Gefängnis steckte und sie streichelte, schnurrte sie sogar. Wie sie es geschafft hat, die summa summarum immerhin gut zehn Stunden von unserem Haus in Deutschland bis zu unserem neuen Haus in Agaete herumzubringen, ohne auch nur einen Tropfen Urin (geschweige denn anderes) in ihrem Transportbehälter zu hinterlassen, wird ihr Geheimnis bleiben. Knapp vier Monate später hatte sie sich hundertprozentig in ihrem neuen Zuhause eingelebt. Sie jagt nun statt den Mäusen und Vögeln, die sie in Deutschland gerne heimbrachte, Geckos aller Größen, die es hier in Mengen gibt. Unsere Ermahnungen, dass diese armen Gesellen unter Naturschutz stehen und die guardia civil sicher sehr ungehalten wäre, wenn sie von ihrem Treiben erführe, stoßen bei ihr auf taube Ohren. Sie genießt ihre nahezu unbeschränkte Freiheit rund ums Jahr; das fast immer schöne Wetter ist ganz nach ihrem Geschmack und wann immer eine fremde Katze ihre Pfote auf unser Grundstück setzt, wird diese mit pathetischem Gefauche und Geknurre verjagt. Umgekehrt strolcht sie frech nicht nur durch sämtliche umliegenden Gärten, sondern hat auch das riesige Naturschutzgebiet, das direkt an unseren Garten grenzt, zu ihrem alleinigen Territorium erklärt. Der Siamkater unserer finnischen Nachbarin war vom ersten Tag an bis über beide Ohren in sie verliebt und nutzt jede Gelegenheit, um ihr nachzustellen. Leider vergeblich - unser Prinzesschen widersteht seinen wunderschönen blauen Augen und seinen Liebesgesängen hartnäckig und zeigt ihm die kalte Schulter. Wenn ich an ihre guten Manieren appelliere und sie darauf hinweise, dass sie hier schließlich der Neuankömmling und eigentlich doch ein ganz ängstliches Kätzchen ist, pliert sie mich sphinxisch an und schnürt dann davon. Aus Fräulein Rührmichnichtan ist durch die Auswanderung mit einem Schlag eine stolze, selbstbewusste Katze geworden. Womit wieder mal bewiesen wäre, das Katzen niemals das tun, womit man rechnet. Aber das hätten wir auch vorher wissen können ...

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