Die Papayas in Nachbars Garten ....



papaya
Ich bin eigentlich, so möchte ich behaupten, ein von Grund auf ziemlich ehrlicher Mensch. Ich habe bisher noch jeden gut gefüllten Geldbeutel, den ich auf Restauranttoiletten oder in Umkleidekabinen gefunden habe (und es waren tatsächlich schon mehrere!) brav und unangetastet bei der Polizei abgegeben. Ich lasse, wenn wir in einer Tapasbar meiner Lieblingskette Lizzarran essen, keine der kleinen Zahnstocher verschwinden, die dort in den montaditos stecken und die vor Erstellung der Rechnung gezählt werden. Und ich klaue, wenn wir auf Reisen sind, weder Hotelbademäntel noch -handtücher - allenfalls mal die kleinen Shampoo- und Cremefläschchen aus dem Badezimmer, die ja ohnehin für meinen Verbrauch gedacht sind. Schon allein damit hebe ich mich, möchte ich selbstzufrieden an dieser Stelle betonen, höchst ehrenwert von den meisten Mitmenschen ab. Meine Freundin Sandra, Managerin in einem Fünf-Sterne-Hotel hier auf der Insel, erzählte mir kürzlich nämlich mit entnervt verdrehten Augen, dass bei ihnen innerhalb einer einzigen Woche 500 (!) Handtücher und Bademäntel von Gästen entwendet worden waren. Und das in einer Hotelkategorie, unter deren Nutzern man doch wahrlich eher Menschen vermuten würde, die nicht gerade am Hungertuch nagen und die sich keine eigenen Handtücher leisten können. Aber, wie meine Mutter schon immer zu sagen pflegte: „Das Sparen lernst du nicht von den Armen, sondern von den Reichen.“

Es gibt allerdings einen Riss in meiner ach so schönen, schimmernden Rüstung von Ehrlichkeit, Ehrbarkeit und Anständigkeit, und der betrifft Nahrungsmittel. Genauer gesagt: Feld-, Wald- und Wiesenfrüchte aller Art. Ich weiß nicht genau, woher dieser Spleen bei mir stammt, aber wenn ich an einem Baum vorbeigehe, der voller Kirschen hängt oder an einem Feld, auf dem die Salatköpfe saftig in Reih und Glied stehen, dann überkommt mich der unwiderstehliche Drang, eine Handvoll Kirschen oder einen Salatkopf mitgehen zu lassen. Nie mehr - ich würde nicht losziehen, und im großen Stil Mundraub betreiben, nur immer ein Stück bzw. so viel, wie ich auf die Schnelle selbst essen kann. Aber dieses eine Stück muss irgendwie sein. Ich habe keine Ahnung, was mich da treibt. Ist es mein jahrtausendealtes evolutionäres Erbe als Sammlerin, das da in meinem Blut aufflackert? Oder mein familiäres Trauma als Kind einer Flüchtlingsfamilie (obwohl ich ja lange nach den Zeiten geboren bin, in denen eine Handvoll Kirschen oder ein paar Kartoffeln für meine Eltern und Großeltern den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen konnten)? Das Bedürfnis, in einem ansonsten ziemlich braven Leben ab und zu über die Stränge zu schlagen? Was es auch sei - es gibt jedenfalls keinen Zweifel, dass es mir ein im wahrsten Sinne des Wortes „diebisches“ Vergnügen bereitet, besagte Kirschen mitgehen zu lassen und dass mir kein Salatkopf auf dieser Welt so gut schmecken kann wie ein frisch vom Feld geklauter. Schande über mein Haupt. Mein Mann war jedenfalls über die ihm bis dato unbekannten kleptomanen Abgründe in mir weidlich entsetzt, als er das erste Mal mit mir zwischen Äckern spazieren ging und ich mich plötzlich und unerwartet auf eine unschuldige Reihe junger Möhrchen stürzte. Dabei bin ich eigentlich gar kein so großer Karottenfan, ich esse sie, finde sie aber normalerweise eher ein langweiliges Gemüse. Aber diese eine, so direkt aus der Erde, schnell mit dem Taschentuch halbwegs saubergewischt und ungeschält ... mmmmmhhhh! Sensationell!

Bisher dachte ich, ich stünde mit diesem speziellen Hang zu kriminellen Aktivitäten allein auf weiter (Feld-)Flur, aber seit ich hier Erich kennengelernt habe, weiß ich, dass es noch andere von meiner Sorte gibt. Erich ist ein eigentlich hoch seriöser Herr durchaus gesetzten Alters, für dessen Gesetzestreue unter normalen Umständen ich jederzeit bedenkenlos die Hand ins Feuer legen würde. Er stammt aus Südtirol, hasst aber die Kälte, die sein Heimatdorf jeden Winter monatelang im Griff hat, und verbringt deshalb den Winter gerne auf Gran Canaria, in einem Häuschen in der Nachbarschaft. Sein ausgeprägter Bewegungsdrang und seine Liebe zur Natur lassen ihn während dieser Monate weite Wanderungen im Tal und auf der Insel unternehmen. Und von diesen Streifzügen bringt er immer etwas Gutes mit und lässt auch nette Nachbarn wie uns gern an diesem Segen teilhaben.

Es fing damit an, dass er uns ein paar Gläser mit leckerem selbst gemachtem Gelee und ebensolchem Saft aus tunas, das sind die hiesigen Kaktusfeigen, vorbeibrachte. Wir hatten die Früchte, die im Naturschutzgebiet neben unserer urbanización an den dort ungehemmt wuchernden Opuntienkakteen wachsen, schon des öfteren beäugt und uns gefragt, wie man die wohl am besten verarbeitet, wie sie schmecken und ob man sie überhaupt ernten darf. Die ersten beiden Fragen beantwortete uns Erich mit seinem Mitbringsel nun: Die Verarbeitung ist ein Riesenaufwand, da die Früchte mit äußerst fiesen Stacheln besetzt sind und außerdem eine tiefrote Färbung haben, die nach dem Marmelade- oder Saftkochen nicht selten eine Küchenrenovierung erforderlich machen. Geschmacklich erinnern sie ein bisschen an Melonen oder Birnen, sie sind süß-sauer, aber ziemlich herb. Und, so klärte Erich uns auf, sie gelten als wahre Gesundheitsbomben, da sie ungemein viel Vitamin A, B und C enthalten und außerdem gleich noch Magnesium und Calcium mitliefern. „Nie wieder Probleme mit der Prostata“, versicherte er meinem Mann, und mich tröstete er in Ermangelung einer problemebereitenden Prostata damit, dass die tollen Früchtchen auch cholesterinsenkend wirken.

Ob man die Früchte denn im Naturschutzgebiet so einfach ernten dürfe, wollten wir wissen. Nun ja, das war dann nicht ganz so einfach zu beantworten. Eigentlich ja nicht, aber andererseits - wem schadete er damit? Er machte ja nichts kaputt bei seinen Raubzügen, er pflückte nur ein paar Feigen. Und wenn man die schönen Früchte einfach hängen ließe, bis sie verdarben, das sei ja auch eine Art Naturfrevel, oder? Letzteres erwies sich im Laufe der Zeit als Erichs bevorzugtes Credo: Den Verderb von verzehrbaren Früchten und Gemüsen kann er einfach nicht mit ansehen. Etwas kann geerntet, gesammelt oder gepflückt und gegessen werden? Dann sollte es auch geerntet, gesammelt, gepflückt und gegessen werden! Findet jedenfalls Erich. Und das bringt ihn hier im Tal in eine diffizile Lage, denn auf vielen der hiesigen Fincas wird nicht (mehr) oder nicht (mehr) alles geerntet und verwertet, was Mutter Natur so hervorbringt. Wie überall auf der Welt ist auch hier die Landwirtschaft ein eher mühseliges und wenig einträgliches Geschäft, und viele der ortsansässigen Bauern überlassen ihre Fincas zumindest teilweise lieber sich selbst, als für einen Hungerlohn die dort wachsenden Orangen und Avocados zu ernten und zu verkaufen. Und die, die ernten, ernten - zumindest nach Erichs Meinung - oft nicht früh und nicht gründlich genug und riskieren somit ebenfalls den Verderb von einwandfreien Früchten.

Das kann Erich natürlich nicht zulassen. Und so wandert er während der Monate, die er hier verbringt, gern talauf- und talabwärts, immer zwischen üppig wachsenden Pflanzreihen und an Fincagrenzen entlang, und wenn er zurückkommt, dann nie mit leeren Händen. Clever, wie er ist, beschwert er sich bei seinen täglichen Patrouillen nicht mit einem Rucksack - das wäre ja irgendwie ordinär und würde auch zu auffällig auf den geheimen Zweck dieser Spaziergänge hindeuten. Stattdessen trägt er eine weite Windjacke, in der er seine Beute verschwinden lässt, bis er einen Bauch wie eine Schwangere kurz vor dem Blasensprung vor sich herschiebt. Seine Raubzüge startet er gerne nach Einbruch der Dunkelheit - vorgeblich, um der Hitze des Tages auszuweichen, aber natürlich verringert das auch die Gefahr des eventuellen Zusammentreffens mit verständnislosen Fincabesitzern, die möglicherweise darauf hinweisen würden, dass ihr Eigentumsrecht an den Früchten keineswegs zeitgleich mit deren Zu-Boden-Fallen erlischt. Mit den überall frei laufenden Finca-Hunden, die eigentlich die Grenzen bewachen und gegen Übergriffe verteidigen sollen, ist Erich, der sehr tierlieb ist, sowieso allen gut befreundet. Die begrüßen ihn bloß schwanzwedelnd - dank regelmäßiger Bestechung mit Streicheleinheiten und Leckerli. Ein Unrechtsbewusstsein quält Erich bei diesen Aktionen in keiner Weise. Irgendwie etikettiert er die Schätze, die er da immer heimschleppt, innerlich glaube ich mit „sind vom Laster gefallen“ oder so ähnlich. Oder eben so, wie ich das mit meinen geklauten Salatköpfen immer mache. Und da Erich ein sehr netter Nachbar ist und uns gerne mag, herrscht in den Monaten seiner Anwesenheit auf der Insel bei uns nie Mangel an frischen Avocados, Mangos, Papayas und sonstigem, was bei uns im Tal so wächst.

Erich verdanken wir mittlerweile auch ein profundes Wissen um die einheimischen Pilzgründe. Ich hätte ja nicht gedacht, dass ich auf Gran Canaria Pilze sammeln gehen könnte, das war zwar in Deutschland im Herbst immer ein großes Vergnügen für mich, aber ich dachte, darauf müsste ich in diesem trockenen Klima hier wohl verzichten. Weit gefehlt! Erich lotste uns ins Inselinnere und hinauf in die Höhen, die - ganz anders als die ariden Küstenstreifen - auf Gran Canaria dicht bewaldet und in den Wintermonaten normalerweise auch mit reichlich Regen gesegnet sind. Verbunden mit den dauerhaft milden Temperaturen ein ideales Pilzklima, in dem Unmengen von Pfifferlingen und Steinpilzen wachsen, die nur darauf warten, von Liebhabern gesammelt zu werden, wenn man weiß, wo man suchen muss. Findet jedenfalls Erich. Wie sich ganz nebenbei herausstellte, ist auch das nicht so ganz einfach: viele der guten Pilzgründe befinden sich nämlich in als Naturschutzgebiet ausgewiesenen Zonen und es wird zumindest sporadisch wohl auch kontrolliert, ob man da unerlaubterweise „wildert“. Was dem Ganzen aber in Erichs Augen lediglich einen zusätzlichen Reiz verleiht. Das Unternehmen bekommt dadurch ein bisschen das Flair eines Räuber-und-Gendarm-Spiels im Wald: Man gibt sich den Anschein eines arglosen Spaziergängers mit Wanderstab und wirft vorsichtige Blicke über die Schulter, während man mit besagtem Wanderstab das herumliegende Laub durchwühlt, um die darunter versteckten Pilze aufzuspüren. Werden irgendwo Stimmen laut oder kündet das Knacken von Zweigen vom Herannahen anderer „Spaziergänger“, verwandelt sich der illegale Pilzsuchstock sofort zurück in einen harmlosen Wanderstab und die erbeuteten Pilze verschwinden in der schützenden Windjacke. Wir haben bei unseren entsprechenden Ausflügen übrigens immer eine ganze Menge anderer Menschen mit Windjacken und Wanderstäben getroffen, es scheint also noch mehr Pilzliebhaber auf der Insel zu geben, die es mit den Naturschutzvorschriften bezüglich Pfifferlingen und Steinpilzen nicht ganz so genau nehmen ... Erich nach einem Pilzsammeltag wieder ins Auto und nach Hause zu locken, ist übrigens gar nicht so einfach, wie wir feststellen durften - er pflegt sich bei solchen Gelegenheiten in einen wahren Sammelrausch hineinzusteigern und lässt sich erst bei Einbruch der Dunkelheit widerstrebend aus dem Unterholz heraus und in Richtung Heimat ziehen. Der Gedanke, dass ihm aufgrund einer vorzeitigen Aufgabe ein Pfifferlingnest entgehen und ungenutzt im Wald verbleiben könnte, ist ihm offensichtlich ebenfalls schlicht unerträglich.

Für Ende März hatte Erich seinen Heimflug nach Südtirol gebucht, und eines Abends kurz vor diesem Termin gingen wir ihn besuchen, um uns von ihm zu verabschieden. Er freute sich, wirkte aber irgendwie etwas zerstreuter und unruhiger als sonst. Wie sich herausstellte, belastete ihn die Vorstellung, dass nun, wo er nicht mehr seine täglichen Streifzüge durchs Tal unternehmen konnte, Unmengen von Avocados, Orangen, Papayas und anderen Früchten bester Qualität dem Verderb anheim fallen würden. Schrecklich! Aber - ein Leuchten ging über sein Gesicht - wir würden ja da bleiben und könnten deshalb eigentlich die Aufgabe, dieser Verschwendung entgegen zu wirken, ab sofort übernehmen! Wir murmelten Unverbindliches - persönlich machte mich die Idee, mich den Finca-Hunden im Tal als Erichs Urlaubsvertretung vorstellen und im Dunkeln zwischen Orangenbäumen herumschleichen zu müssen, eher nervös. Aber Erich war ganz begeistert von seiner Lösung des Problems und bestand auf einer sofortigen Einweisung. Mit Taschenlampe, Windjacke und Entschlossenheit bewaffnet, schleppte er meinen widerstrebenden Mann in die Nacht hinaus, um ihm die viel versprechendsten Routen durchs Tal zu zeigen, bevor er abreiste. Ich konnte mich mit dem Verweis auf mein unpassendes Schuhwerk und meine fehlende Windjacke nach Hause retten, wo ich gespannt auf die Rückkehr der Abenteurer wartete. Eine Stunde später war mein Mann wieder da - beladen mit Avocados, Papayas und Orangen und bestens informiert darüber, wo er während Erichs Abwesenheit künftig zu patrouillieren hätte. Ich erkundigte mich, ob die Früchte denn nun wirklich alle unbeachtet auf dem Boden verlassener Fincas herumgelegen hätten? „Naja“, bekam ich zu hören, „zumindest als wir vorbeikamen, war keiner da ... und auf dem Boden lagen sie auch, nachdem Erich mit seinem Stock gegen die Zweige geschlagen hatte.“ Aha, also eindeutig ein Fall von „vom Laster gefallen“ ... Erich konnte beruhigt nach Hause fahren und wir würden auch in den Sommermonaten bestimmt nie unter Vitaminmangel leiden.

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