Weihnachten auf den Kanaren


In einer Woche ist ja schon wieder Weihnachten - bereits unser drittes hier auf der Insel, wie ich ganz überrascht festgestellt habe. Vor zwei Jahren waren wir nämlich gerade über Weihnachten das erste Mal hier. Damals steckten wir noch mitten in den Überlegungen, wo genau wir eigentlich in Spanien hinziehen wollten und schwankten zwischen mehreren möglichen Zielen hin und her. Rückblickend glaube ich ja, dass es unter anderem auch dieses Weihnachten hier auf Gran Canaria und seine besondere Atmosphäre waren, die mit den Ausschlag für unsere Entscheidung gegeben haben.

Blaue Palmen, Sandkrippen und meterhohe Weihnachtssterne

Es ist für einen Mitteleuropäer, der sein Leben lang Weihnachten im Schnee - oder doch zumindest im nasskalten Schmuddelwetter - gefeiert hat, zugegebenermaßen erst einmal ein bisschen merkwürdig, wenn am 24. Dezember die Sonne so warm scheint, dass man im T-Shirt zum Abendessen draußen sitzen könnte. Auch die Weihnachtsdeko fällt hier natürlich den Witterungsverhältnissen entsprechend ein wenig anders aus als in Deutschland. Es gibt zwar vereinzelt in Gartencentern (sündhaft teure) echte Tannen zu kaufen, allerdings schauen die alle verdächtig so drein, als würden sie schon beim Heimtransport heftig zu nadeln beginnen - was Wunder bei den Temperaturen! Sehr viel verbreiteter (und auch vernünftiger) sind da schon künstliche Tannenbäume. Eigentlich gehört ein Baum ursprünglich nicht zur spanischen Weihnacht, er ist aber (wie viele nicht-traditionelle Elemente) in den letzten Jahrzehnten so quasi hier mit „eingesickert“. Wo bei uns in Deutschland auf öffentlichen Plätzen um diese Jahreszeit aber große Christbäume stehen, werden hier einfach stattdessen Lichtergirlanden um die Palmenstämme gewickelt und an den einzelnen Palmwedeln entlang gezogen. In Las Palmas selbst übrigens vorwiegend in blau, was dem Ganzen für deutsche Augen einen leicht psychedelischen Anstrich verleiht (vor allem nach der dritten Sangria!), aber trotzdem sehr hübsch aussieht.


Schon wenn man die breite Einfallstraße, die Avenida Marítima, in die Stadt hineinfährt, begrüßt einen eine solche blaue Palmenallee. In der Stadt selbst, besonders in der Haupteinkaufsstraße Triana, wetteifern die Geschäfte um die schönste Weihnachtsbeleuchtung, und natürlich wird man auf Schritt und Tritt ausgiebig mit spanischen Weihnachtsliedern beschallt. Auf der Plaza San Telmo ist eine riesige Krippenlandschaft aufgebaut, ein belén, wie es die Spanier lieben. Da ist nicht nur der Stall mit Maria und Josef und ein paar armseligen Hirten und verstörten Schafen drumherum zu sehen, sondern die ganze Stadt Bethlehem in einer bis ins Detail liebevollst ausgestalteten Felslandschaft. Man kann ewig davor stehen und entdeckt immer noch wieder etwas Neues an diesem Szenario. Hat man dann genug davon, geht man ein paar Schritte weiter zu den umstehenden Büdchen und delektiert sich an gebrannten Mandeln, Turrón oder Zuckerwatte, bevor man sich zum weihnachtlichen Shopping in die Flaniermeile stürzt. Statt sich dabei durch Massen gestresster, dick eingemummelter Menschen zu quetschen, die sich schlecht gelaunt durch Schneeregen oder Wintersturm von Geschäft zu Geschäft kämpfen, bummelt man ganz entspannt kurzärmelig oder mit einer leichten Jacke durch die Gegend. Hat man genug, setzt man sich mit einer caña oder einem vino tinto in eins der zahllosen kleinen Straßencafés und knabbert zufrieden an ein paar papas fritas oder tapas, während man auf der Geschenkeliste das schon Erledigte abhakt.

Beléns spielen überall eine große Rolle im weihnachtlichen Gran Canaria. Jede Kirche hat eine wunderschöne zu bieten, aber auch auf vielen öffentlichen Plätzen kann man beeindruckende Exemplare bewundern. Mein Lieblings-belén ist jedes Jahr die große Sandkrippe am Stadtstrand von Las Palmas, Las Canteras. Dieses belén de arenas entsteht jedes Jahr neu in Zusammenarbeit vieler Künstler aus unterschiedlichen Ländern (dieses Jahr wirkten neben spanischen Bildhauern auch welche aus der Tschechei, aus Irland, aus Portugal, aus Russland und aus Dänemark mit), in der Regel innerhalb von ca. drei Wochen. Das vergängliche Kunstwerk sieht jedes Mal anders aus, jedes Mal legen die Künstler ihren ganzen Ehrgeiz darein, ein besonders schönes, originelles und detailverliebtes Szenario zu schaffen. Dieses Jahr (übrigens das sechste, in dem das belén de arena errichtet wurde) stehen dabei typisch kanarische Elemente wie die Dünen von Maspalomas und der Roque Nublo harmonisch neben den traditionellen Bausteinen einer Bethlehem-Landschaft. Immer gibt es auch irgendwo ein oder zwei ironisch-lustige Bildelemente zu entdecken - einmal einen Hirten, der betrunken in einer Ecke seinen Rausch ausschläft, einmal einen Bauern, der gerade auf einem Nachttopf sitzt und sein Geschäft verrichtet und solcherlei mehr. Die Krippe ist weit überlebensgroß, man kann in der Landschaft herumlaufen und sich alles ganz genau ansehen. Eintritt kostet das Ganze nicht, Spenden sind aber willkommen und gehen immer an eine wohltätige Einrichtung. Als Betrachter kann man sich kaum satt sehen an der Präzision und Detailfreude, mit der die Figuren und Landschaften gestaltet sind, und man fragt sich, wie so etwas mit einem Material wie Sand überhaupt und dann noch in der Kürze der Zeit möglich ist. Die Vergänglichkeit des Ganzen verleiht allem einen ganz besonderen Reiz, wie ich finde - nichts für die Ewigkeit, man muss es im Hier und Jetzt genießen, so lange es dauert. Ein heftiger Wintersturm mit Regengüssen, und die Pracht ist dahin!

Noch etwas, was ich besonders an Gran Canaria zur Weihnachtszeit mag, sind die teilweise meterhohen roten und weißen Weihnachtssterne, die jetzt überall üppig blühen. Naja, streng genommen sind es ja keine Blüten, sondern bunt gefärbte Hochblätter, die die Pflanzen da ausbilden. Im Unterschied zu Deutschland, wo Weihnachtssterne nach der Weihnachtszeit ja von den wenigsten Leuten weiter gepflegt werden und eher als Einweg-Pflanzen irgendwann im Müll enden, weil sie nicht winterhart sind, wachsen die Pflanzen hier überall im Freiland. Dabei entwickeln sie sich über die Jahre hinweg zu richtig großen Büschen, ungefähr so, wie bei uns in Deutschland zum Beispiel die Kirschlorbeer-Sträucher. Bei uns im Tal sieht das wunderschön aus, vor allem von unserer etwas erhöht liegenden Terrasse. Aber auch in öffentlichen Anlagen stehen jetzt vielerorts dicht an dicht die Weihnachtssterne dort, wo im Sommer Geranien oder andere Sommerblumen gepflanzt waren. Eine ganz natürliche, sehr stimmungsvolle Weihnachtsdeko, die mich dann auch mit so manchem kanarischen Ausrutscher diesbezüglich versöhnt - denn insgesamt tendieren die canarios (wie die meisten Spanier) für unseren Geschmack doch sehr in Richtung „Kitsch as Kitsch can“ an Weihnachten: Hauptsache, es glitzert silbern oder golden, flackert, blinkt (möglichst bunt und hektisch in allen Regenbogenfarben) und/oder quiekt Weihnachtslieder - dann ist es schön! Da denke ich schon ab und zu mit leichter Sehnsucht an einen ganz schlicht geschmückten deutschen Weihnachtsbaum mit nichts als ein paar Strohsternen, Holzäpfeln und Holzfiguren zurück ...

Nochebuena und Los Reyes Magos

Auch in anderer Hinsicht unterscheiden sich spanische Weihnachtstraditionen natürlich etwas von dem, was wir als Deutsche so gewohnt sind. Das beginnt mit der simplen Tatsache, dass weder der 24. noch der 26. Dezember hier Feiertage sind - auch nicht, wie in Deutschland der 24. fast überall - „halbe“ Feiertage. Die Geschäfte haben an beiden Tagen ganz normal geöffnet; nur der 25. Dezember ist Feiertag. (Da er dieses Jahr auf einen Sonntag fällt, wird das den normalen Wochenrhythmus also unberührt lassen.) Der 24. Dezember - Nochebuena - ist auch traditionell eigentlich nicht der Tag, an dem es Geschenke gibt. Üblicherweise trifft sich an diesem Abend die Familie nur, um sehr ausführlich und üppig gemeinsam zu Abend zu essen. Das allerdings dann sehr feierlich und festlich (ich frage mich immer, wie das eigentlich all die spanischen Hausfrauen hinbekommen, die an diesem Tag noch normal arbeiten müssen?). Vielleicht ja auch per Arbeitsteilung und so, wie wir es in der Familie meines Mannes schon zweimal miterlebt haben: Dort treffen sich - mangels weiterer Verwandtschaft - nämlich drei befreundete Familien mit ihren Kindern am 24. Dezember abends gegen 21:30 Uhr (ich darf daran erinnern: wir befinden uns in Spanien und da isst man nun mal spät!) zum Weihnachtsessen. Die Vorspeise stellte in beiden Fällen die Hausherrin (da die Tante meines Mannes Französin ist, gab es eine ebenso unvergleichlich köstliche wie politisch inkorrekte foie gras, die eigentlich schon für eine ganze Mahlzeit ausreichend gewesen wäre), die übrigen Gänge brachten die eingeladenen Gäste mit. Wir aßen uns unter tapferem Ignorieren jegliches Sättigungsreflexes also zunächst durch den zweiten Gang (einen Berg fangfrischer gambas al alioli), dann den Hauptgang (einen butterzarten, hauchdünn geschnittenen Rinderbraten mit einer Mischung aus karamellisierten Äpfeln, Zwiebeln, Feigen und Rosinen als Beilage) und das Dessert (diverse tartas, turrónes und platos dulces). Zwischendurch gab es, damit man bis zum nächsten Gang auch bei Kräften blieb, jeweils verschiedene Salate und andere Kleinigkeiten zu picken. Den Abschluss des Ganzen bildete dann noch eine riesige Platte frischer Früchte - Papayas, Mangos, Trauben, Orangen, Bananen, Guaven, Melonen ... Irgendwie konnten wir die dann aber - trotz mittlerweile gelockerter Gürtelschnallen und großzügiger Dosen von Digestif - nicht mehr so richtig würdigen, keine Ahnung, weshalb.

Vielleicht lag‘s ja auch an der vorgerückten Stunde - bis wir den letzten Bissen hinuntergeschluckt hatten, war es kurz vor ein Uhr geworden und zumindest mein gastrointestinales System war bereits hoch unzufrieden mit den ihm abverlangten Überstunden und drohte mit einer Beschwerde bei seiner Gewerkschaft. Um es zu beschwichtigen, verabschiedeten wir uns kurz vor zwei, um unsere prallvollen Bäuche schwerfällig in Richtung unserer Betten zu schieben, allseits nachsichtig belächelt ob dieses deutschen Weicheiertums. Für die spanischen Unter-Fünfziger aus der Runde fing der Abend dann nämlich eigentlich erst so richtig an - sie begaben sich auf Bar- und Disco-Tour in die Stadt und feierten die Nacht durch, bis sie die Nochebuena am Morgen des 25. mit einem zünftigen Frühstück ausklingen ließen: churros con chocolate! Dabei handelt es sich um schwimmend in Fett ausgebackenes Brandteiggebäck, das zusammen mit heißer Schokolade gegessen wird, ein Klassiker für den Spanier, bevor er nach durchzechten Nächten ins Bett fällt. Eine Portion davon dürfte schätzungsweise so ungefähr den Kaloriengehalt aufweisen, mit dem eine dreiköpfige Familie in der Sahel-Zone locker über die Woche kommt. Die fetttriefenden churros an sich wären ja schon schlimm genug, aber mit „heißer Schokolade“ meint der Spanier auch wirklich „heiße Schokolade“ - nicht im mindesten zu vergleichen mit dem labbrigen Kakaogetränk, das wir Deutschen unter diesem Begriff normalerweise zu konsumieren gewohnt sind. Heiße Schokolade auf spanisch muss man sich hinsichtlich Geschmack und Konsistenz ungefähr so vorstellen: Man nehme einen Viertelliter Schlagsahne, erhitze ihn und löse eine Tafel Vollmilchschokolade darin auf. Gut umrühren, churros eintauchen und genießen. Wenn man Pech hat, fällt man anschließend ins Zucker-Fett-Koma, aber natürlich muss man das Ganze mal probiert haben. Dass am darauf folgenden 25. - dem einzigen Feiertag - mehr oder weniger die ganze Nation bis zum Nachmittag nicht mal die Nasenspitze aus dem Bett bekommt und alle Straßen und Plätze wie leergefegt sind, ist vor diesem Hintergrund natürlich mehr als verständlich.

Für Geschenke wäre, wie man unschwer erkennen kann, zwischen dieser ganzen Fressorgie natürlich sowieso kein Platz mehr. Die gibt es bei den Spaniern traditionell auch erst am 6. Januar, denn sie werden nicht von Santa Claus oder dem Christkind gebracht, sondern von den Heiligen Drei Königen. Biblisch betrachtet eigentlich der passendere Zeitpunkt für eine Bescherung, schließlich sollen die es ja damals gewesen sein, die mit Gold, Weihrauch und Myrrhe unter dem Arm im Stall aufgelaufen sind. Eins der ersten Anzeichen, dass Weihnachten naht, ist für mich deshalb auf Gran Canaria immer das Riesen-Plakat, das an der Fassade des supermercados Alcampo schreit: ¡Escribe tu carta a los Reyes! - Schreib deinen Wunschzettel an die Heiligen Drei Könige! Denn natürlich schreiben auch hier die Kinder vor Weihnachten eine lange Liste mit Wünschen auf, nur schicken sie sie nicht wie in Deutschland ans Christkind, sondern an Melchor, Gaspar und Baltasar. Am Vorabend des Dreikönigstags, dem 5. Januar, stellen die Kinder - ähnlich wie bei uns am 5. Dezember - ihre Schuhe vor die Tür, dazu oft noch ein Tellerchen mit turrón für die Weisen und ein bisschen Heu und Wasser für ihre Kamele. Am 6. morgens finden sie dann - wenn sie schön brav waren - ihre Geschenke darin. Oder ein Stück Kohle, wenn sie unartig waren. (Letzteres halte ich angesichts der Päckchenflut, die seit Wochen von den canarios durch die Spielwarenabteilungen geschleppt wird, allerdings für eine leere elterliche Drohung - es würde mich sehr wundern, wenn es irgendwo in ganz Spanien ein Kind zu finden gäbe, das sich am 6. Januar über ein Stück Kohle kränken müsste!)

Die Ankunft der Heiligen Drei Könige am 4. oder 5. Januar ist übrigens eine Riesenparty, die mit einer cabalgata, einem Umzug gefeiert wird. Die Könige treffen mit jeder Menge Prunk und Pomp in der jeweiligen Stadt ein: In vielen Küstenstädten landen sie erst einmal unter großem Getöse mit dem Schiff im Hafen. Anderenorts haben sie bereits modernisiert, so flogen sie letztes Jahr in unserer Nachbarstadt Gáldar beispielsweise mit dem Helikopter ein und landeten im dortigen Stadion (kein Witz!). Von dort ziehen sie dann, stilgerecht hoch oben auf ihren Kamelen oder Dromedaren thronend, und begleitet von ihren Heerscharen an Dienern, Pagen und Helfern in einer Mischung aus religiöser Prozession und Straßenkarneval durch die Städte, begeistert empfangen und begrüßt von den Kindern, die bei dieser Gelegenheit mit so viel Süßigkeiten und Bonbons überschüttet werden, dass ihnen regelmäßig schlecht wird. In Las Palmas nahmen letztes Jahr geschätzte 300.000 Besucher an dem Spektakel teil - nur, um hier mal eine ungefähre Vorstellung von der Dimension des Ereignisses entstehen zu lassen!

Den Abschluss der Weihnachtsfeiertage bildet das traditionelle Festessen in der Familie am Dreikönigstag. Zum Nachtisch gibt es dabei den roscón de Reyes, den wir letztes Jahr auch das erste Mal gekostet haben. An sich kein besonders aufregendes Gebäck, eher ein etwas fad schmeckender Hefekranz, der es aber in sich hat: Darin ist nämlich ein kleines Plastikfigürchen (natürlich ein König) eingebacken, das haba. Wer das Figürchen in seinem Kranzstück findet, ist nicht nur der König des Tages (und muss den restlichen Tag über mit einer Papierkrone auf dem Kopf den Affen machen), sondern wird auch im neuen Jahr besonders vom Glück gesegnet sein. Vorausgesetzt, er hat sich an seinem glücklichen Fund nicht gleich mal einen Stiftzahn ausgebissen, natürlich ...

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