¡Feliz Navidad! - Ja, ist denn heut‘ schon Weihnachten?


Über kanarische Weihnachtsbräuche habe ich ja im letzten Artikel schon einiges erzählt, vor allem über die Gestaltung des Heiligen Abends und des Dreikönigstages. Wenn wir Deutsche an Weihnachten denken, haben wir ja vor allem die drei Tage vom 24. - 26. Dezember im Sinn. Für die meisten Spanier ist „Weihnachten“ dagegen eher so etwas wie ein zwei Wochen am Stück dauernder Ausnahmezustand, der mit der Nochebuena am 24. beginnt und am 6. Januar, dem Día de los Reyes seinen Höhepunkt und Abschluss findet.

El Sorteo de Navidad

Nein, stimmt gar nicht - eigentlich beginnt „Weihnachten“ für den Spanier schon zwei Tage vor dem 24. Dezember, nämlich am 22. Dezember mit der Ziehung der Lottozahlen. Das ist kein Witz! Die Spanier als solche sind absolut lotterieverrückt, praktisch jeder spielt hier beharrlich jede Woche in der Hoffnung auf das große Glück. Es gibt viele verschiedene Lotterien, deren Losverkäufer an jeder Ecke zu finden sind, beispielsweise die von „Once“, „Bonolotto“ oder „La Primitiva“. Fast jeder Spanier hat den Losverkäufer seines Vertrauens, bei dem er seine Tippscheine regelmäßig kauft, und wenn bekannt wird, dass ein großer Gewinn in einer bestimmten Lottobude erzielt wurde, wird ein Verkäufer förmlich überrannt, denn Spanier sind unglaublich abergläubisch und fest davon überzeugt, dass das Glück da, wo es schon einmal zugeschlagen hat, bestimmt noch ein weiteres Mal zuschlagen wird. So hängen an Lottokiosken oft große Plakate mit Aussagen wie ¡Hay lotería de Telde! oder ¡Hay lotería de Tejeda!, was mich anfangs ziemlich verwirrte, denn was hatten die Lottoscheine aus Bergdörfern plötzlich in Kiosken in Las Palmas zu suchen? Bis ich verstand: da hatte Fortuna also das letzte Mal in Telde oder Tejeda einen größeren Treffer gelandet, und sofort wollten auch die Einwohner von Las Palmas von dieser vermeintlichen Glückssträhne profitieren - via original aus dem jeweiligen Ort importiertem Tippformular.


Die Lottobegeisterung der canarios ist also jahreszeitenunabhängig sehr hoch. Allerdings gibt es einen Zeitpunkt, zu dem das Ganze ein bisschen die Ausmaße eines kollektiven Wahnsinns annimmt, und das ist kurz vor Weihnachten. Wenn ich sage, „kurz vor Weihnachten“, dann ist das eigentlich etwas unpräzise. Die ersten Schilder in unserer örtlichen Lottobude (doch, doch, auch ein Winzlingsdorf wie Agaete hat ein festes kleine Geschäft mitten in der Innenstadt, wo nichts anderes als Lose verkauft werden!), die freudig verkündeten: ¡Hay Lotería de Navidad! tauchten Anfang August auf! Verwundert rieben wir uns die Augen und glaubten, im gleißenden Sommersonnenschein vielleicht einer optischen Täuschung zum Opfer gefallen zu sein. Weihnachtslose auf Gran Canaria im August? Das war ja noch übler als Lebkuchen bei Aldi im September in Deutschland! Aber nein, da stand es, unübersehbar. Es gab also offenbar Leute, die bereits im Hochsommer loszogen, um sich „ihr“ Weihnachtslos (oder auch mehrere) für die Ziehung zu sichern, die am 22. Dezember drei Stunden lang bis auf wenige Ausnahmen so ziemlich die ganze Nation an den Fernsehbildschirm schweißt - mit Quoten, die selbst Hans-Joachim Kulenkampff oder Peter Alexander in den 70ern die Neidtränen in die Augen getrieben hätten. An diesem Tag wird El Gordo de Navidad (der „Weihnachts-Dicke“) gezogen - und sage und schreibe 98 % (!!) aller Spanier halten ein oder mehrere Lose für diese Lotterie in den zitternden, schweißfeuchten Händen und warten auf den einen Moment, der ihr Leben für immer verändern wird. Im Durchschnitt geben sie dafür 60 bis 70 Euro aus, eine ganze Menge Geld für viele von ihnen.

Die spanische Weihnachtslotterie ist nach eigenen Angaben die größte der Welt und wahrscheinlich auch eine der ältesten, denn ihre Ursprünge reichen bis ins Jahr 1812 zurück. Selbstbewusst behauptete ein Lottofunktionär kürzlich im Interview: „Die Spanier haben die Weihnachtslotterie in den Genen, sie gehört zu Weihnachten und der spanischen Gesellschaft einfach dazu.“ Es werden Gewinne bis 2,2 Milliarden Euro verlost - kein Wunder, dass solche Summen die Spielsüchtigen bereits ab August unruhig schlafen lassen! Die Lose sind nicht billig; ein ganzes Los kostet 200 Euro. Deshalb kann man auch Zehntellose zu 20 Euro kaufen (so genannte décimos). Oft kaufen auch Familien, Tippgemeinschaften oder ganze Dörfer gemeinsam Lose. Der Gewinn wird dann natürlich entsprechend aufgeteilt. Die Chancen auf einen solchen liegen statistisch betrachtet übrigens bei 1:85.000 - aber das interessiert natürlich keinen. Schon gar nicht, wenn man sein Los in genau der Losbude gekauft hat, in der letztes Jahr auch schon ein gordo-Gewinner Glück hatte. Die Schlangen vor den Kiosken werden lang und immer länger, je näher das magische Datum rückt. Dieses Jahr ist der Run auf die Tickets besonders groß, wie man hört, weil die Krise noch mehr Menschen als sonst an die Schalter lockt: Wie könnte man den Themen Immobilienflaute, Arbeitslosigkeit und Finanzkrise auch leichter ein für allemal ein Schnippchen schlagen als mit einem „Dicken“ in der Tasche?

Die Ziehung an sich ist - Quotenknaller hin oder her - eigentlich ein ziemlich langweiliges Ritual, das mich eher an frühere Chorstunden in meinem ehemaligen katholischen Mädchengymnasium erinnert als an irgendetwas anderes: Zwei große, kugelförmige Behälter stehen in der Gegend herum, in einem von ihnen befinden sich Zehntausende kleiner Holzkugeln aus allen Losnummern, im anderen eine geringere Anzahl weiterer Holzkugeln, die Gewinne. Altmodisch gekleidete Schüler aus dem Colegio de San Ildefonso aus Madrid stehen daneben und singen die Nummern, die gezogen werden (insgesamt über 4.800, was natürlich seine Zeit dauert). Das hört sich ein bisschen nach einer dreistündige Vorstellung mit Gregorianischen Chorälen an, so ähnlich kommt es auch rüber. Das Ganze bezieht seinen Kitzel aber natürlich aus der Tatsache, dass man nicht einen Moment in seiner Aufmerksamkeit nachlassen darf - jede Nummer könnte ja die eigene sein und dann hätte man den Moment verpasst, an dem man sich drehbuchgemäß ans Herz greifen, die Augen verdrehen und in eine freudige Ohnmacht sinken müsste. Oder aufspringen, sich die Haare raufen und hysterisch zu schreien beginnen. Was man halt so macht, wenn man plötzlich ein paar mehr Millionen in der Tasche hat, steuerfrei, versteht sich.

Nun, dieses Jahr ist es mir endlich gelungen, meinen Herrn Gemahl zum Kauf eines Zehntelloses zu überreden, damit mein Blutdruck endlich auch wie der aller anderen drei Stunden lang vor diesem spanischen Zahlengedudel in die Höhe schießen kann. Selber wäre sinnlos gewesen, da ich noch nie im Leben auch nur eine Plastikrose in einer Lotterie gewonnen habe, egal, wie oft ich es versucht habe. Lieber habe ich mir das kostbare Stück Papier deshalb von ihm zu Weihnachten schenken lassen und es feierlich an unseren Kühlschrank gepinnt. Mal sehen, ob sich Fortuna so austricksen lässt! Ich werde deshalb, wie alle anderen, dieses Jahr Popcorn, Chips und sonstige gesunde Leckereien verzehrend vor dem Bildschirm kleben und - nur vorsichtshalber! - auch vorab eine Flasche champán kalt stellen. Man weiß ja nie!

Glühwein, Stollen und Lebkuchenherzen - mit Blick auf Meer und Palmen

Dass Weihnachten in Gran Canaria wie überall in Spanien ein Fest ist, das die Kalorienzählerei eines ganzen Jahres mit einem Schlag nachhaltig ruinieren kann, habe ich in meinem ersten Blogbeitrag zu diesem Thema ja schon berichtet. Insgesamt sind die Leckereien, die hier an Weihnachten verzehrt werden, vielfältiger als bei uns in Deutschland, wie ich finde; ein ganz typisches Weihnachtsessen wie Gänsebraten oder Karpfen kennen die Spanier nicht. Gemeinsam ist allen Essen eigentlich nur, dass sie meist in der Familie zelebriert werden, mehrere Gänge umfassen und sehr ausführlich sind. Hier auf der Insel spielen Fisch und Meeresfrüchte natürlich eine große Rolle dabei, da man ja das Privileg genießt, diese superfrisch direkt aus dem Meer auf den Tisch bringen zu können. Vor Weihnachten stocken die großen Supermärkte wie Alcampo oder Carrefour deshalb auch ihre Fischabteilungen gleich mal um einige zusätzliche Kühltheken auf und offerieren eine Riesenauswahl an unterschiedlichsten Leckereien. Und natürlich quellen die Regale über vor turrón, der typischen Weihnachtssüßigkeit, nach der alle Spanier verrückt sind. Dabei handelt es sich um eine Form von Nougat, die aus Mandeln, Honig, Zucker und Eiweiß hergestellt und in länglichen Tafeln angeboten wird. Die klassischen „Basisvarianten“ sind turrón duro, der ganze Mandeln enthält und hart bis zum Stiftzähneausbeißen ist, und turrón blando, in dem die Mandeln gemahlen werden und die Masse durch die Zugabe von Butter weich gemacht wird (mein Favorit, mjam, mjam!). Daneben gibt es unzählige Varianten des Ganzen: mit weißer und dunkler Schokolade, mit kandierten Früchten aller Art, mit Eigelb statt Eiweiß (das schmeckt dann ziemlich ähnlich wie Marzipan und heißt turrón de yema), mit Nüssen und tausenderlei mehr. Seinen Ursprung hat turrón wie so viele spanische Köstlichkeiten in der arabischen Küche. Es ist also angesichts all dieser kulinarischen Fülle wirklich kein Problem, auf Gran Canaria ebenso kalorienreiche wie leckere Weihnachten zu feiern, auch ohne typisch deutsche Weihnachtszutaten.

Aber die Globalisierung macht auch vor Gran Canaria nicht Halt - am 1. November hatte in einem nahe gelegenen Industriegebiet, San Isidro, eine Filiale des deutschen Discounters Lidl ihre Pforten geöffnet. Wir wussten zwar, dass Lidl bereits vier Niederlassungen auf Gran Canaria hatte, aber da die zwischen Telde und Vecindario angesiedelt sind, also von uns aus gesehen ein ganzes Stück hinter Las Palmas, hatten wir uns nicht weiter dafür interessiert. Außerdem hatten wir deutsches Essen ja lange genug in der alten Heimat genießen können. Jetzt aber, vor der eigenen Haustür und mit großem Bohei vorab angekündigt, mussten wir doch mal schauen, inwiefern das hiesige Lidl-Sortiment sich vom deutschen unterschied. Wir ließen den üblichen Eröffungsrummel erst einmal abflauen und brachen dann zu einer Erkundungstour auf.

Hätten wir es mal lieber sein lassen! Mit einem Schlag hatte uns nämlich auch noch die komplette deutsche Weihnacht in all ihren Facetten wieder eingeholt. Unsere inneren Verteidigungstruppen in Sachen Figurerhalt stöhnten auf angesichts dieser Übermacht an Verlockungen und gingen kollektiv in die Knie. Da gab es plötzlich auch noch Lebkuchen, Stollen, Spekulatius, Adventskalender, Zimtsterne, Zimtsterne-Eis, Bratäpfel, gefrorene Weihnachtsgänse, Rotkohl, Knödel ... was das deutsche Weihnachtsherz halt so begehren könnte und noch einiges darüber hinaus. Und dann natürlich Schokolade, Schokolade, Schokolade! (Bisher war das keine pièce de résistance hier, da Spanier - abgesehen von sehr dunkler Schokolade, die für mich persönlich keine Versuchung darstellt - keine großen Schokoladenesser sind.) Wir konnten uns also ab sofort, wenn wir wollten, erst einmal durch das spanische und dann noch mal durch das deutsche Weihnachtssortiment durchfuttern. Hervorragende Aussichten - wenn man denn unbedingt eine Fettleber oder zwanzig Kilo Übergewicht anstrebt!

Der Abschuss waren aber die Glühweinflaschen, die da reihenweise aufgebaut waren: „Original Christkindelmarkt-Glühwein“, so weit das Auge reichte! Die canarios kamen aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr heraus. Mein Mann versuchte ebenso wortreich wie vergeblich, seinem hiesigen Cousin das Konzept zu erklären. „¿Vino caliente? Wein heiß gemacht? So richtig heiß, wie beim Kochen? Und was hineintun - Gewürze?“ Der Cousin tippte sich an die Stirn und verdrehte die Augen. Auf so eine Idee konnten auch nur Deutsche kommen. Kein Wunder, bei dem Wetter dort. Musste einem ja aufs Hirn schlagen, dieser ewige Regen und die Kälte! - Wahrscheinlich eine verständliche Reaktion aus seiner Perspektive. Ich glaube eigentlich auch nicht, dass vino caliente hier auf Gran Canaria ein Absatzschlager werden wird, ebenso wenig wie die ebenfalls angebotene Buttermilch, der Sauerrahm oder der Quark. Saure Milchprodukte beäugt der Spanier nämlich grundsätzlich sehr argwöhnisch - die sind wohl schlecht geworden?? Selbst Naturjoghurt ist hier nicht überall problemlos zu bekommen und fristet - ganz im Gegensatz zu Deutschland - ein ziemliches Nischendasein. Joghurt muss entweder gezuckert sein, Sirup oder Früchte enthalten, damit der Spanier sich dafür erwärmen kann. Aber ich selbst war ganz froh zu entdecken, dass ich mich nächsten Sommer dank Lidl hier hoffentlich eines ungehinderten Zugriffs auf Buttermilch erfreuen werde, die hatte ich nämlich an heißen Tagen hier oft ein wenig vermisst. Um den Absatz etwas zu stützen, kauften wir auch tatsächlich tapfer eine Flasche Glühwein und setzten uns am 1. Advent damit auf unsere Terrasse, um das Meer im Abendrot zu bewundern. Immerhin hatte es mit Verschwinden der Sonne auf 18 Grad abgekühlt und es wehte ein leichter Wind - man konnte sich durchaus mit etwas gutem Willen einbilden, es sei Winter. Die Palmwedel raschelten sanft und unsere Katzen jagten einem lagarto hinterher, während Bob Dylan leise „Little Drummer Boy“ krächzte. Weihnachtsstimmung auf Gran Canaria ...

April, April, ihr Unschuldigen!


Hat man Weihnachten mit seinen Aufregungen für das kardiovaskuläre (el gordo!) und gastrointestinale (das Essen!) System erst einmal überstanden, droht einem gleich noch der Día de los Santos Inocentes mit dem nächsten Adrenalin-Schock, wenn man Pech und schadenfrohe Menschen um sich hat. Der 28. Dezember ist zufällig auch noch mein Geburtstag, und bisher hatte ich nicht sonderlich registrierte, dass er in der katholischen Kirche als „Tag der Unschuldigen Kinder“ gefeiert wird. An diesem Tag wird dort nämlich der Kinder gedacht, die König Herodes weiland angeblich meucheln ließ, um sich des neu geborenen Jesuskindes zu entledigen. Vergeblich, wie man weiß. Aber eigentlich nichts, worum sich unsereins noch sorgen müsste.

Solange man nicht den Fehler macht, sich wie wir vor ein paar Jahren an diesem Tag in Spanien aufzuhalten! Wir waren mal wieder in wärmere Gefilde geflüchtet, weil ich meinen Geburtstag lieber im Straßencafé als an den Holzofen geschmiegt feiern wollte, und kamen abends nach dem Essengehen in unser Hotel in Alicante zurück. Dort empfing uns der Portier mit sorgenvoll gefurchter Stirn: Leider, leider könne er unseren Zimmerschlüssel nicht finden. Ob wir ihn vielleicht mitgenommen hätten? Hatten wir nicht. Sicher nicht? Vielleicht hatten wir das gute Stück ja auch verloren, ohne es zu merken? Eine hektische Suche in allen Taschen folgte. Nichts. Nun ja, dann müsste er uns halt diesen Ersatzschlüssel geben, den er da noch hätte, erklärte der Portier streng, aber wenn der Schlüssel nicht wieder auftauchte, dann wären wir haftbar, schließlich müsse dann das Türschloss ausgetauscht werden. Wir nahmen den Ersatzschlüssel mit gesenktem Haupt schuldbewusst entgegen und schlichen wie geprügelte Hunde auf unser Zimmer. Während wir dort noch einmal damit beschäftigt waren, das Unterste zuoberst zu kehren auf der Suche nach dem so mysteriös verschwundenen Schlüssel, klopfte es an der Tür. Draußen stand der Portier und grinste über alle vier Backen, wie man so schön sagt - in der Hand unseren Zimmerschlüssel. „¡Inocente, inocente!“, freute er sich. Während ich noch verwirrt überlegte, wer denn nun genau seiner Meinung nach unschuldig sei, er oder wir, und woran überhaupt genau, schlug sich mein Mann schon mit der flachen Hand vor die Stirn. „Natürlich, der 28. Dezember! Das ist hier so was wie bei uns der 1. April - man schickt die Leute in den April und veräppelt sie! Das hatte ich ganz vergessen!“

Nun, das war dem Portier bei uns jedenfalls hervorragend gelungen, wir waren voll und ganz auf seinen Scherz hereingefallen. Seither bin ich am 28. Dezember auf der Hut gewesen, wenn wir uns wieder mal auf spanischem Boden aufhielten, und bisher keinen weiteren Aprilscherzen im Dezember aufgesessen. Woher der Brauch an diesem Tag genau kommt, ist übrigens nicht ganz klar, möglicherweise geht er darauf zurück, dass an diesem Tag früher auch ein heidnisches Fest stattfand, bei dem Narrenspiele und Mummenschanz getrieben wurden. Inocente hat im Spanischen auch die doppelte Bedeutung von einerseits „unschuldig“ und andererseits „naiv“ oder „dumm“. Wie auch immer - es empfiehlt sich hierzulande, an diesem Tag ein bisschen weniger leichtgläubig als sonst unterwegs zu sein!

¡Feliz año nuevo!

Hat man den Día de los Santos Inocentes unbeschadet überstanden, trennt einen feiertechnisch nur noch Silvester vom großen Reyes Magos-Finale der Weihnachtszeit. Unerlässliche Bestandteile dafür sind - nein, Feuerwerksraketen und Knaller nicht unbedingt. Die werden hier zwar auch verkauft, aber in sehr viel geringerem Umfang als in Deutschland. Die canarios lieben zwar wie alle Spanier kaum etwas mehr als ein prunkvolles Feuerwerk, aber sie veranstalten es kaum je selbst. Dafür inszenieren Städte und Gemeinden bei jedem passenden und unpassenden Anlass ein Feuerwerk, das dann aber von Profis entworfen und gezündet wird. Der Normalverbraucher muss nur den Kopf in den Nacken legen und zuschauen. Ein paar Unentwegte ziehen trotzdem los und zündeln auf eigene Faust zusätzlich, aber sie sind in der Minderheit. Ein Unterschied zu Deutschland, den ich persönlich sehr schätze, da ich mit von Amateuren veranstalteten Feuerwerken so meine Schwierigkeiten habe. Bei einer solchen Gelegenheit - ich war ungefähr fünf - kippte nämlich mal ein Feuer spuckender Vesuv um und nahm mich hinterrücks aufs Korn. Seither habe ich einen Heidenrespekt (um nicht zu sagen: eine Sch..angst) vor diesem Zeug, vor allem in den falschen Händen. Hier käme dann noch die Sorge vor einem potenziellen Waldbrand dazu, denn je nachdem, wie viel es bis Silvester schon geregnet hat, ist die Flora um diese Jahreszeit oft noch sehr trocken und ich mag mir gar nicht vorstellen, was eine Rakete oder ein Knaller, die versehentlich in die falsche Richtung fliegen, da so alles auslösen können.

Was man unbedingt braucht sind dagegen: eine Flasche cava, rote Unterwäsche und zwölf Trauben!

Um mit dem cava - oder, wie die meisten Spanier zum Sekt ungeachtet französischer Proteste normalerweise sagen: champán - anzufangen: Ungefähr hundert Millionen Flaschen konsumieren die Spanier pro Jahr; und rund um Weihnachten und Silvester erreicht der nationale Absatz der beiden großen Traditionsmarken Cordoniú und Freixenet den absoluten Höhepunkt. Mit Spannung erwartet wird auch jedes Jahr der aufwändig gemachte Weihnachts-Werbespot von Freixenet, in dem jedes Mal ein internationaler Star auftritt - welcher, das ist ein sorgfältig gehütetes Geheimnis, das erst bei der Erstausstrahlung gelüftet wird. Für viele Spanier ist dieser Spot (meist Ende November) deshalb auch der inoffizielle Startschuss für die Vorweihnachtszeit. Liza Minelli war 1977 die erste Freixenet-Werbeikone, es folgten über die Jahre Stars wie Paul Newman, Gene Kelly, Sharon Stone, Carlos Nuñez, Kim Basinger, Gwyneth Paltrow und viele andere. Dieses Jahr läuft ein absolut spektakulärer Tanzspot mit den Tänzern Sara Baras und José Carlos Martínez, der Elemente des klassischen Ballett mit Elementen aus dem Flamenco kombiniert, das Ganze mit wunderschönen Spezialeffekten garniert. Eine Explosion aus Kraft, Licht und Eleganz, die man wirklich gesehen haben muss:



Die rote Unterwäsche ist neben dem Sekt zum Anstoßen ein weiteres wichtiges Detail an Silvester. Wie schon erwähnt, ist der Spanier ein sehr abergläubischer Geselle und kennt alle möglichen Rituale, um sich das Glück geneigt zu machen. Die rote Unterwäsche, die man in der Silvesternacht tragen muss, soll für amor y pasíon im kommenden Jahr sorgen. Funktioniert aber nur, wenn man sie vom Liebsten oder der Liebsten geschenkt bekommen hat, selbst kaufen gilt nicht! Und dieses Silvester ist ohnehin ein Sonderfall, denn 2012 ist ein Schaltjahr, und da sollte das Silvesternachts-Dessous dem Aberglauben gemäß besser rosa als rot sein, um optimale Wirkung entfalten zu können. Ganz schön kompliziert ... aber nun ja, wenn‘s hilft ... So oder so ein hübscher Anlass, dem Herzblatt (und sich selbst) eine kleine Extra-Freude zu gönnen, wie ich finde!

Letztes und zweifellos wichtigstes Detail der Silvesterfeier, ohne die sie für keinen echten Spanier denkbar ist (und das ich nach drei Silvestern hier auch schon richtig vermissen würde): die Trauben! Zwölf Stück genau müssen es sein, und wenn man schlau ist, wählt man eine kernlose, möglichst kleine Sorte, sonst wird der Jahreswechsel echt schwierig, kann ich aus eigener Erfahrung sagen! Um Mitternacht starrt nämlich die ganze Nation gebannt - die einen in situ, vor Ort, die anderen virtuell am Bildschirm - auf die Turmuhr der alten Casa de Correos an der Puerta del Sol in Madrid. Beim ersten Ton beginnt jedermann hektisch zu kauen, denn exakt mit jedem Glockenschlag muss eine der zwölf uvas de la suerte gegessen werden. Kaut man nicht schnell genug oder kommt mit dem Schlucken nicht hinterher, so dass es eine Verzögerung gibt, handelt man sich damit ein ganzes Jahr Unglück ein.

Wer Lust hat, kann das Spielchen ja auch in Deutschland mal spielen - man stellt sehr schnell fest, dass es eine ziemliche Herausforderung darstellt, die mit Größe und Kernhaltigkeit der Trauben sprunghaft anwächst. Gewitzte Händler verkaufen in den Tagen vor Silvester kleine Döschen oder Tütchen mit je zwölf bereits gewaschenen, mundgerecht abgezupften Trauben darin - für einen stolzen Preis, versteht sich. Ist aber natürlich sehr praktisch, wenn man - wie viele Spanier - an diesem Abend unterwegs ist und die Dinger auf diese Weise ganz einfach hygienisch abgepackt in der Handtasche transportieren will. Wir haben Silvester 2001 in Madrid tatsächlich einmal mit zwei solchen Döschen in der Hand auf der Puerta del Sol gefeiert - die Atmosphäre, die entsteht, wenn Tausende andächtig-konzentriert auf Trauben herumkauende Menschen dicht an dicht gedrängt vor einer Turmuhr stehen, ist schon ziemlich einzigartig.

Übrigens wurde uns erzählt, dass an der Uhr, an der das Glück einer ganzen Nation hängt, vor einigen Jahren Reparaturen notwendig geworden seien. Diese habe ein Schweizer Uhrmacher ausgeführt, der keine Ahnung von der Bedeutung dieser zwölf Glockenschläge hatte. Im darauf folgenden Silvester habe die Uhr deshalb schneller als sonst geschlagen und kaum ein Spanier habe seine Trauben im richtigen Takt essen können. Eine Flut von Protesten hatte zur Folge, dass der Uhrmacher noch einmal anreisen und die Angelegenheit in Ordnung bringen musste, so dass im nächsten Jahr wieder alles seine Richtigkeit hatte. Ob die Geschichte stimmt, weiß ich nicht, aber wie man so schön sagt: „Se non è vero, è ben trovato.“ - „Wenn es nicht wahr ist, ist es schön erfunden.“

Letztes Jahr waren wir an Silvester eingeladen und die Dame des Hauses hielt zwar die obligatorischen Trauben für die Gäste parat, aber - wie ich schon beim zweiten Glockenschlag feststellen musste - relativ große Exemplare mit reichlich Kernen und ziemlich dicker Außenhaut. Beim sechsten Schlag war ich bereits rettungslos im Hintertreffen und beim zwölften stand ich kurz vor einem unrühmlichen Exitus durch Ersticken und hatte trotzdem keine Chance mehr, rechtzeitig mit dem Kauen fertig zu werden. DAS wäre mal wirklich ein schlechtes Omen fürs neue Jahr gewesen! Dieses Jahr werde ich die Trauben selber besorgen und gaaaaaanz kleine und kernlose nehmen, damit 2012 nichts schief gehen kann. Man muss ja kein unnötiges Risiko eingehen, nicht wahr? ¡Feliz año nuevo!

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