Koexistenz mit Ameisen



Ameisen
Also, es gibt wirklich sehr, sehr viele Sachen, die mir auf Gran Canaria wunderbar gefallen! Nein, ehrlich. Ein paar kleinere Sachen gefallen mir allerdings auch nicht so sehr. Manche davon sind sogar sehr klein, geradezu winzig. Ameisen zum Beispiel. Viele Ameisen. Sehr viele Ameisen!!

Die Viecher, vor denen ich eigentlich Muffe hatte, als wir hierher gezogen sind vor vier Jahren, waren cucarachas - Kakerlaken. Ich hatte die Biester in früheren Urlauben im Süden kennen- und hassen gelernt. Bewegen sich hektisch und schnell, wie Spinnen, sind aber viel größer. Einfach gruslig! Jaja, ich weiß, die können mir nichts tun und wahrscheinlich haben sie viel mehr Angst vor mir als ich vor ihnen. Aber wissen Sie was? Das glaub ich eigentlich gar nicht. Zumindest habe ich wirklich SEHR viel Angst vor ihnen - also: nicht richtig Angst, ich weiß schon, dass die mir kein Bein abbeißen können (zumindest nicht, solange ich lebe). Aber ich ekele mich halb zu Tode, wenn mir so ein Viech über den Weg läuft. Oder von der Decke auf mich runterfällt (hatte ich auch schon). Dann schreie ich auch schon mal hysterisch.

Dabei bin ich eigentlich nicht so sehr zimperlich mit Viechzeug (darf man als Katzenmama von sechs Freigängern auch nicht sein, denn die bringen einem ja schon gern mal einen noch halb- oder ganzlebigen lagarto, eine umsichtigerweise bereits ausgeweidete Maus oder einen fetten Heuschreck. Oder sie springen um halb vier Uhr morgens mit einer ganz frischen Ratte im Maul zu einem aufs Bett: „Hallo Mami, hab dir Frühstück mitgebracht!“ Das halte ich alles eigentlich ganz gut aus soweit, ist alles Gewöhnungssache. Aber Kakerlaken - nee, nee, daran gewöhne ich mich nie! Insofern war ich sehr froh und erleichtert, als ich feststellte, dass wir die hier relativ selten zu Gesicht kriegen. Was wiederum an meinen sechs Stubentigern liegt, die besagte Kakerlaken in ihrer Freizeit gerne jagen und dezimieren. Das scheint sich bei den hiesigen Kakerlaken auch schon rumgesprochen zu haben, denn sie haben wirklich Seltenheitswert bei uns in Haus und Hof. Echt kein Thema.

Leider interessieren sich unsere Stubentiger nicht sonderlich für Ameisen. Zu klein, da kann man nicht mit der Pfote draufhauen und dann schauen, ob sie sich noch bewegen. Nicht wie eine Maus oder ein lagarto. Langweilig. Ansonsten scheint sich auch keiner sonderlich für Ameisen zu interessieren, jedenfalls vermehren die sich hier rasant und ungestört. Besonders im Sommer. Und im Winter. Und überhaupt dauernd, will mir scheinen.

Misstrauisch hätte mich ja eigentlich schon die Riesenauswahl an Anti-Ameisen-Mitteln, die hier jeder hundsgewöhnliche Supermarkt im Angebot hat, machen müssen. Keine fettarme Milch und nur eine Sorte Brot, aaaaaaaber fünfundzwanzig verschiedene Giftvarianten gegen Ameisen: Köder, Sprays, Pulver, was man sich nur ausdenken kann.

Die Ameisen sind hier wirklich winzig klein - sie passen überall durch. Ich wusste vorher nicht, dass Ameisen beispielsweise gerne und gut an elektrischen Leitungen entlang durch Wände marschieren können und dann vergnügt irgendwo aus einer Steckdose an irgendeiner Stelle im Haus herausgekrabbelt kommen um nachzusehen, ob es in der Nähe vielleicht was Feines zu fressen gibt. Oder durch Abwasserrohre ins Haus kommen. Oder gleich direkt durch die Fliesenfugen, zumindest in den Ecken oder an Stellen, wo die Fuge ein mikroskopisch kleines Löchlein aufweist. Reicht denen alles hier, kein Problem. Wahrscheinlich stehen rund um mein Haus hier überall Ameisen-Wegweiser, auf denen steht: „Mittagstisch - hier entlang!“ oder so ähnlich.

Das Problem an den Viechern ist vor allem, dass sie bestens organisiert sind. Man spült vor dem Schlafengehen alles, wirklich alles ab, räumt weg, verschließt in Schraubdeckelgläsern oder Tupperdosen, was sie eventuell interessieren oder anlocken könnte. Und geht dann ins Bett - um acht Stunden später in die Küche zu kommen und festzustellen, dass selbige von Ameisen buchstäblich überschwemmt ist. Man starrt fassungslos auf das Gewimmel und versucht zu entdecken, was die Invasion ausgelöst haben könnte. Und entdeckt einen (!) Zuckerkrümel, der das Abwischen der Arbeitsplatte irgendwie überlebt hat. Vollkommen ausreichend, um die Spähtruppen dieser kleinen Armee zu alarmieren und in der Folge dann gleich die gesamte Kavallerie. Halbe Sachen machen die nämlich nicht.

Oder man sitzt gemütlich auf dem Sofa, schaut fern und hat plötzlich das Gefühl, dass es da irgendwo kribbelt. Man kratzt - und stellt fest, dass man gerade eine Ameise auf seinem Bein zerquetscht hat. Und dann noch eine. Und noch eine. Panisch springt man auf, zerrt das Sofa zur Seite und entdeckt darunter einen wohlorganisierten Truppenaufmarsch im Keratinpanzer; angetreten um das stecknadelkopfgroße Chipsstück, das sich irgendwie unters Sofa gemogelt hat, in den Bau zu transportieren.

Nun könnte man ja sagen, dann muss man halt besser aufpassen beim Chipsessen. Oder beim Küchenarbeitsplattenabwischen. Machen wir ja. Machen wir schon so, dass es allmählich verdächtig in Richtung Putzzwang auszuarten beginnt, ehrlich! Nützt aber nix. Außerdem hat es merkwürdige Auswirkungen in Sachen Innendekoration; so stehen beispielsweise sämtliche Katzenfutterschüsseln bei uns wiederum in jeweils größeren Schüsseln, die mit Wasser gefüllt sind, damit die Spähtruppen bei ihren Pirschgängen keinen Erfolg ins Hauptquartier rückmelden können und die Kavallerie mit dem Hintern daheim bleibt. (Manchmal fällt ein Stück Felix Fantastique beim Fressen einer Katze allerdings leider wieder aus dem Mäulchen und in besagten Anti-Ameisen-Wassergraben, wo es die Späher in Lichtgeschwindigkeit entdecken und dann ist die Schlacht auch wieder verloren.) Lebensmittel aller Art werden bei uns nur noch im Kühlschrank gelagert oder dreifach verpackt in Dosen gestopft - wir haben die Erfahrung gemacht, dass eine Dose allein einfach nicht reicht, die Herzchen schaffen es unter einem normalen Müsliboxdeckel zum Beispiel problemlos drunter durch und dann kann man das Frühstück vergessen.

Richtig blöd wird es bei Sachen, die überhaupt keine Lebensmittel sind, die die Biester aber trotzdem interessant finden. Auf so was kommt man nämlich erst mal gar nicht. Heute zum Beispiel, da sind sie wie die Myrmidonen des Achilles über meinen Kosmetikeimer im Badezimmer hergefallen. Ich dachte, ich sehe nicht richtig - brauchen Ameisen seit neuestem Q-Tips und Abschminkpads? Bis mir dann klar wurde, dass ich einen bösen Stockfehler gemacht hatte. Irgendwo muss man als Frau ja nun mal hin mit dem monatlichen Spezialabfall, der auf öffentlichen Damenklos immer vornehm mit „Hygieneartikel“ umschrieben wird. Dass ich das Zeug hier besser nicht ins WC schmeiße, war mir ja seit unserem Desatasco-Desaster in unserem ersten Jahr hier klar, also wandert es im Bedarfsfall brav und bieder, wie sich das gehört, in bereit stehendes Eimerchen. Mit Deckel, versteht sich. War bisher auch kein Problem, nur scheint die Versorgungslage in mindestens einem unserer hauseigenen Ameisenstaat mittlerweile derart verzweifelt zu sein (besonders geburtenstarker Jahrgang vielleicht?), dass den Schnuckeln jede Form von eiweißhaltiger Nahrung offenbar recht kommt. Und nun ja, was soll ich sagen, jetzt sind nicht nur die ortsansässigen Stechmücken hinter meinem Blut her, sondern auch noch die Ameisen! Das kann einem schon ein bisschen die Laune vermiesen, wenn man nun zusätzlich zu Menstruationskrämpfen und hormonellem Ungleichgewicht auf dem stillen Örtchen auch noch mit Plastikbeutelchen für bocadillos hantieren muss, um Sie wissen schon was luftdicht zu verpacken, bevor man es entsorgt.

Wir haben es mit Ameisenködern versucht - garantiert wirksam, die Ameisen tragen angeblich darin enthaltene Fressköder in ihren Bau und verfüttern sie an die Brut und dann ist Ruhe. Die Ameisen betrachteten sich die Köder, fragten sich verwundert, was das nun wieder für eine architektonische Spielerei sei und ignorierten sie dann. Seither haben wir kapituliert und auf Ameisenspray umgestellt. Das Zeug ist teuflisch, ich will gar nicht wissen, was da drin ist - wenn man es auf Ameisen oder andere Insekten sprüht, fallen die sofort reihenweise tot um. Leider stinkt es bestialisch und hat auf meine Schleimhäute einen ziemlich ähnlichen Effekt wie auf die der Ameisen - okay, ich falle nicht gleich tot um, aber ich laufe noch zwei Stunden hinterher mit einem Taschentuch rum, tröte die Welt zusammen und sehe aus, als hätte ich gerade meinen Lieblingshamster begraben müssen. Gesund kann das nicht sein. Deswegen setzen wir es nur ein, wenn wir in unseren Verteidigungslinien über eine kritische Marke hinaus zurückgetrieben worden sind - vorher versuche ich es erst mit mechanischen Methoden wie Putzlappen, Staubsauger oder Kehrschaufel. Manchmal geht es aber nicht anders, dann holen wir zum großen Gegenschlag mit der Chemiekeule aus. Bisschen doof ist, dass das Haus dann zwar ameisenfrei, aber für mich erst mal ein paar Stunden kaum betretbar ist, bis der Fall-out sich wieder halbwegs verzogen hat. Danach folgt eine kurze Periode der Entspannung an der Front, bis die ersten wagemutigen Spähtruppen beschließen, dass sie mit der Reststrahlung jetzt gut leben können und sich wieder auf die Pirsch machen. Und das Ganze geht von vorne los.

Ich denke jetzt über die Anschaffung eines Ameisenbärs nach. Muss nur noch sehen, wie ich den durch den Zoll kriege ... und dann: Vae victis!

Diesen Artikel teilen: